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Freitag, 25. Mai 2012 | 22:44

Tom Knox: Genesis Secret

23.05.2009

Erbarmen!

Irgendwo liegt das Geheimnis der Menschheit begraben. Tom Knox weiß wo und erklärt uns das in seinem ersten Thriller Genesis Secret mit einem waghalsigen Sprung in ein düsteres Allerlei: Das Schwarze Buch der Jesiden, Archäologie, Religionen, Genetik, eine jahrhundertealte Mission, Okkultismus, Hokuspokus, Genie und Wahnsinn. Doch – so viel Erbarmen sei uns vergönnt – kann die Welt am Ende aufatmen, niemanden wird’s aus den Fugen schlagen! Denn Knox erzählt wie ein böser Wüstendämon, der allerdings zu lange in der Sonne gesessen hat. ANNA VERONICA WUTSCHEL brummt der Schädel

 

Tom Knox hat ein großes Thema mit so viel historischem Stoff durchtanzt und immer noch ein Schippchen draufgelegt, dass zu guter Letzt nicht mehr als ein etwas unappetitlicher, flauer Langstreckentext vom Leser bewältigt werden will. Doch auf der ausgedehnten Distanz halten auch die aufgereihten Schock-Effekte keineswegs bei Laune.

Im wilden Osten, in Kurdistan, ist Ungeheuerliches vergraben. Archäologen buddeln es aus, was einigen so gar nicht in den Kram passt. Rob Luttrell, ein Auslandskorrespondent, der gerade einem Selbstmordattentat im Irak entgangen ist, macht sich auf, um über die Grabung zu berichten. Doch Böses und alte Todesflüche liegen schwer über dem Wüstenwind. Luttrell wird Zeuge, wie der eigenwillige Grabungsleiter Breitner ermordet wird, wittert die große Story und verliebt sich rasant in die adrette Archäologin Christine. Vor allem aber vermisst Rob seine Tochter, stürzt sich recht unbedarft in mehrere Abenteuer und bringt somit seine Familie in höchste Gefahr.

In good old England treibt derweil eine Gruppe von äußerst attraktiven Sadisten ein mörderisches Spiel. Offensichtlich suchen die jungen Männer etwas und töten willkürlich und bestialisch die, die sich ihnen in den Weg stellen. Eine Botschaft? An wen? Inspector Forrester erkennt bald ein Muster, das er nicht deuten kann.

Tom Knox scheint mit dem Bestseller-Aufguss Genesis Secret das goldene Löffelchen des Autors gefunden zu haben. Die tatsächliche Ausgrabungsstätte Göbekli Tepe, deren Freilegung der deutsche Archäologe Klaus Schmidt 1994 initiierte, gilt als ein Jahrtausend-Sensationsfund. Obwohl bislang nur ein Bruchteil von Göbekli Tepe freigelegt wurde, gilt die vor circa zwölftausend Jahren geschaffene (Kult-)Anlage als die bislang älteste und damit wohl wichtigste Entdeckung. Das riesige Bauwerk könnte der erste von Menschen erschaffene Tempel sein, der zahlreiche Rätsel aufgibt. Dass Steinzeitjäger derartige Bauten erschaffen konnten, galt bis zu dieser Grabung als unvorstellbar. Liegt dort der Garten Eden verborgen? Und warum machte man sich die unermessliche Mühe, die Anlage später wieder zu verschütten? Wissenschaftliche Spekulationen stapeln sich.


 

Derb verhauen ...

Der Journalist Sean Thomas, der u. a. für die Times, den Telegraph und die Dailey Mail schreibt und 2007 von der Sunday Times zum Reisejournalisten des Jahres gewählt wurde, hat unter dem Pseudonym Tom Knox mit Genesis Secret einen Bestsellerklon der Sonderklasse abgeliefert. Dabei brilliert er in seinem journalistischen Revier durchaus. Hervorragende Recherche, ein Gesamtblick für Historie, Gegenwart, Politik und Bürokratie versprechen viel. Das exotische Flair von Örtlichkeiten, Stimmungen fängt Knox alias Sean Thomas prächtigst da ein, wo es hingehört: Wo Fremde im Kulturgut anderer wühlen.

Die journalistisch kleinteilige, exakte Recherche unter dem Motto: ‘Menschenopfer überall’ fließt allerdings direkt und wie zusammen gedroschen in den Text. So gehen die großen Themen, die Grabungsstätte Göbekli Tepe, die Lebensumstände in den kurdischen Gebieten, türkische Politik, Geschichte und Religion der Volksgruppe der Jesiden wie überhaupt alle spannenden Ansätze im Gemetzel unter. Das große, lang gehütete Geheimnis der Menschheit wird gelüftet und schreibt die Religionen um. Das Entsetzen jedoch ist nicht maßlos, zu turbulent, zu wenig überzeugend ist Knox’ Mixtur. Eine Story, die so clever hätte verführen können, wirkt letztlich simpel zusammengesucht und gewollt zurechtgeruckelt. Wie übrigens auch die Figuren, die mit blässlichen Dialogen unbeherzt und unbeseelt durch Labyrinthe von alten Kultstätten, Geheimbünden und anderen Sündenfällen gehetzt werden. Diese Dokufiktion ist ein echtes fashion-victim: Aus der Trendwiege von Illuminati und Sakrileg gehoben ist Genesis Secret leider nur ein derb verhauener Styling-Exzess.

 

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