Das schmieren die Musterknaben in der Krimischreibschule an sämtliche Wände: „Eric ist doof.“ Denn Eric macht alles falsch. Drei Ich-Erzähler! Keiner davon sympathisch! So geht’s los. Dabei: Ergiebiges Thema. Nahostkonflikt! Menschliche Extreme! Kapitalismuskritik! Aber leider: Völlig verpfuscht, Schüler Ambler!
Gemach, gemach. Schließlich ist dieser Eric Ambler, als er Anfang der 70er Der Levantiner schreibt, kein kurzbehoster Prosalehrling. Sondern ein anerkannter Meister jenseits der 60, mit dem verfilmten Roman Topkapi zu Weltruhm gelangt, mit Die Maske des Dimitrios längst einer der happy few im Pantheon der Krimiklassik. Selbst also ausbildungsberechtigt und von Adepten frequentiert, die es ihrerseits zur Meisterschaft bringen sollten, von Robert Littell bis Ross Thomas, um nur die beiden zu nennen, weil wir noch auf sie zurückkommen müssen. Amblers Einfluss auf die Entwicklung des Spionageromans, des politischen Krimis ist immens, nur – wie hat er es angestellt?
„Dies ist die Geschichte von Michael Howell, und er erzählt sie größtenteils selber. Ich finde, er hätte sie von Anfang bis Ende selber erzählen sollen.“ Mit diesen Worten des Journalisten Lewis Prescott beginnt der Roman, und sie stärken nicht unbedingt unser Vertrauen in die Erzählstrategie. Prescotts Einwand wird sich als gerechtfertigt erweisen; denn Michael Howell ist der titelgebende Levantiner, nicht nur Bewohner jenes Levante genannten östlichen Mittelmeerraums, sondern, zumindest im Englischen, auch einen Schuldner, der sich seinen Verpflichtungen durch Flucht entzieht. Und genau das hat Howell getan. Sobald er zu reden anhebt, rechtfertigt er sich gegenüber den Gerichten, dem allgemeinen Urteil. Prescott spielt in dieser Inszenierung die Rolle des objektiven Betrachters, der ahnt, missbraucht zu werden. In längeren Kapiteln erzählen sie nun Howells Geschichte, einmal mischt sich als dritte Ich-Instanz Theresa Malandra ein, als Howells Geliebte und Mitarbeiterin zwar befangen, doch ihr gelingen einige aufschlussreiche Blicke in Howells vertrackte Psyche.
Dieses Erzählgerüst hat es in sich, besagt es doch nichts weniger als: Vorsicht. Alles, was du fortan zu hören bekommst, mag wahr sein oder erlogen, es dient einem einzigen Zweck: der Rechtfertigung. Und der aufmerksame Leser ahnt es: Hier schreibt einer, uns Dinge jenseits „gesicherten Wissens“ zu erzählen.
Ein brisanter Ansatz, geht es doch im Folgenden um nichts weniger als „den Nahostkonflikt“. Hier, so glaubt man, mag der notorisch kenntnisreiche Autor mit Fakten aufwarten, bis ihm selbst all jene, die Jaffa für eine Apfelsinenmarke halten, die berüchtigte „akribische Recherche“ zuerkennen, mit der vom Mittelalterthriller bis zum Hartz-IV-Splatter „Authentizität“ bescheinigt wird. Ambler geht anders vor. Er lässt den Journalisten Prescott mit einem Abriss der Geschichte des Konflikts beginnen, doch der Leser wird im weiteren Verlauf der Handlung rasch gewahr, welchen Wert diese Informationen haben. Auch Howell selbst kommt uns hernach historisch-distanziert, wenn er vom Werden seiner Firma und den Tücken des syrischen Regimes erzählt. All das mag „wahr“ sein, ist jedoch nichts weiter als der Stoff, den man braucht, um eine höchst dubiose Geschichte mit dem Anstrich des Seriösen zu versehen.
Das Faktische, so lehrt es uns Ambler nicht nur im Levantiner (auf Die Maske des Dimitrios sei beleghalber verwiesen), wird allein innerhalb des Fiktionalen sichtbar. So entpuppt sich der Kunstgriff der drei Erzählperspektiven, die sich ergänzen, indem sie gegeneinander arbeiten, als entscheidend für die Handlung selbst und weist dabei über diese hinaus. Man kann diese Methode übrigens auch bei Ross Thomas studieren, der ebenfalls zuviel über das Gesellschaftliche, das Politische weiß und ergo auch, dass die Dinge fiktional relativiert werden müssen.
Wofür aber muss sich der Levantiner rechtfertigen? Howell, Spross einer alten Kaufmannsfamilie, handelt mit so ziemlich allem, was Profit verspricht und mit allen, die ihm dabei nützlich sind, auch mit den syrischen Diktatoren. Ihnen hat er einige Geschäftsmodelle schmackhaft gemacht, unter anderem die Gründung einer Fabrik zur Herstellung von Trockenbatterien.
In dieser Fabrik beginnen nun die gefährlichen und grotesken Ereignisse im Leben des Michael Howell. Ein palästinensischer Terrorist namens Salah Ghaled nämlich hat sich dort mit einigen seiner Helfer eingenistet, finden sie an diesem Ort doch alles, was sie brauchen, um einen gigantischen Terroranschlag auf die israelischen Feinde zu realisieren. Howell und Teresa kommen hinter das Geheimnis und werden von Ghaled zur Mitgliedschaft in seiner Terrorzelle erpresst.
Wir sehen unseren Helden fortan in der Rolle der tragischen Figur, die von einem Dilemma ins nächste stürzt. Howell ist Kollaborateur und Saboteur in einem, ihn fasziniert die technische Umsetzung des Anschlags ebenso wie ihn die Folgen erschrecken. Er versucht zu verhindern, was er andererseits fleißig und nicht selten devot befördert. Moral und Geschäft, naives Interesse und die Sorge um das Wohl der eigenen Haut sind hier hübsch vereint, kein „positiver, sympathischer Protagonist“ agiert, das Ganze streicht an der Grenze zum Absurden, Grotesken entlang, eine merkwürdige Art von Humor jenseits des Schmunzelns, weitab von jener unappetitlichsten und billigsten Variante, auch wenn das Lachen angeblich im Halse stecken bleibt. Hier ist es nichts weiter als eine angemessene Reaktion.
Man mag Howell als den personifizierten „Westen“ identifizieren, dessen Rolle im Nahen Osten zwischen Fluch und Segen chargiert, gleichermaßen von moralischen wie ökonomischen Interessen angetrieben. Das trifft zu. Viel stärker jedoch bleibt der Eindruck einer im Grunde ausweglosen Situation, einer Tragödie, die sich – wieso hat das eigentlich noch niemand getan? – auch als Slapstick-Komödie aufführen ließe, ohne von ihrer Wahrhaftigkeit zu verlieren, oder eben als böses Lehrstück über „die Wahrheit“ selbst.
Dass Ambler mit seiner Einschätzung der Lage bis heute richtig liegt, wird man Lesern des Levantiner nicht eigens erklären müssen. Es ist offensichtlich. Wo das Historische zur Groteske mutiert, die Fakten schon die Inszenierung in sich tragen, hilft keine road map.
Es gibt wenige Autoren, die von Eric Ambler wirklich gelernt haben. Naheliegenderweise sei Robert Littell genannt, dessen Die Söhne Abrahams zu einem ebenfalls dröhnend grotesken und in der Bewertung der Fakten ernüchternden Bericht aus Nahost geraten ist. Und als warnendes Gegenbeispiel die aktuell hippen Palästinakrimis von Matt Baynon Rees, die schon an ihrer auf selbst für konservative Genreverhältnisse anachronistischen Schwarz-Weiß-Vorgehensweise scheitern.
Dass Ambler wohl in jeder Krimischule als „Klassiker“ gepriesen wird, während man im gleichen Atemzug seine Methoden als abschreckende Beispiele misslungenen Krimimachens aufführen könnte (denn so subtil darf es im Reich der Gänsehäute nicht thrillern), spricht natürlich für den Autor. Der Levantiner ist ein Beweis dafür, dass schon die Wahl der Erzähltechnik über die Qualität des Erzählten bestimmt. Kein intellektuelles headbanging, bei dem dann im Hirnkasten die Versatzstücke gegeneinander scheppern, sondern genau kalkulierte Technik im Dienst des Erzählten, und am Ende zielsicher die Form von Trivialität, die sich in der Kriminalliteratur immer als bestes Mittel gegen die Beliebigkeit herausstellt: das Alltägliche in seiner spannendsten, weil komplexesten Form. Alles richtig gemacht, Mister Ambler. Ab in die Ecke, damit Sie den Betrieb nicht weiter stören.