Seit Gerry Conway 1974 die Figur des Punishers schuf, zunächst nur als Antagonisten für den immer fröhlichen Spiderman, hat niemand sie so sehr geprägt wie der Nordire Garth Ennis, dessen Valley Forge, Valley Forge nun aber voraussichtlich sein letzter Punisher-Comic sein soll; Ennis’ Einfluss ist den beiden neuen Verfilmungen ebenso anzumerken wie den Arbeiten anderer Punisher-Autoren – das geht so weit, dass sich jemand wie Daniel Way nur noch als Ennis-Epigone beschreiben lässt, so ähnlich ist dessen The Punisher vs. Bullseye dem Stil von Ennis. Nach einem kurzen Prolog 1995, dem die Welt die Skurrilität The Punisher Kills The Marvel Universe verdankt, begann Ennis vier Jahre später mit seiner ersten regulären Punisher-Serie und hat seitdem eigentlich nie wieder aufgehört – bis jetzt: 108 Hefte der verschiedenen Serien hat er inzwischen geschrieben und noch einmal sieben weitere Comics, die für sich allein stehen (sogenannte one Shots).
Gott vergibt – der Punisher nie!
Über einen so langen Zeitraum hinweg immer wieder über dieselbe Figur zu schreiben, geht eigentlich nur, wenn die Figur in dieser Zeit eine Entwicklung durchmacht – denn was könnte man denn sonst die ganze Zeit erzählen? Doch das ist bei Frank Castle, dem Punisher, einfach nicht möglich. Der Mann hat nur ein Ziel und ist in der Verfolgung dieses Ziels so stur wie ein ganzes Hochgebirgsmassiv Granit: Wer ein Verbrechen begeht, muss bestraft werden – und für den Punisher gibt es nur die Todesstrafe. Ein Frank Castle, der Gnade zeigt oder mildernde Umstände gelten lässt, wäre einfach nicht der Punisher. Ennis bringt das in seinem unglaublichen Comic The Punisher: The End selbst am besten zum Ausdruck. In dieser Geschichte ist Frank Castle einer der letzten Überlebenden eines nuklearen Holocausts. Nur in einem Bunker weltweit leben noch Menschen. Diese hätten sogar die technischen Möglichkeiten und Ressourcen, die Welt neu zu bevölkern, doch sind sie auch die, die Schuld am Untergang der Zivilisation haben. Das kann ihnen Frank Castle nicht verzeihen – der Punisher tötet sie alle, auch wenn der Preis dafür die endgültige Auslöschung der Menschheit ist.
Meep, meep!
Unter schriftstellerischen Gesichtspunkten gibt es für einen derartigen Betonkopf als Hauptfigur kaum Entwicklungsmöglichkeiten. Deshalb blieb für Garth Ennis auch nur, die Perspektive zu ändern, aus der über den Punisher erzählt wird. Und so zerfällt Ennis’ Schaffen in zwei große Phasen. Zunächst waren seine Punisher-Comics, trotz des Mordens und eines Protagonisten, der überhaupt keinen Spaß versteht, eine extrem lustige Serie, voll schwarzen, manchmal sadistischen Humors, schrulliger Einfälle und einer Form von Gewalt, die Ennis selbst einmal in einem Vorwort als Road-Runner-artig bezeichnet hat. Genussvoll übertrat Ennis dabei ein ums andere Mal gesellschaftliche Tabus, ganz zu schweigen von der Grenze zum schlechten Geschmack, und suhlte sich in den größten Schweinereien.
In diese Phase zählen auch die Comics, die 2003 erschienen sind und nun mit dem Band Garth Ennis Collection 3 gesammelt auf Deutsch vorliegen. Ennis zeigt in den kurzen Geschichten seine verschiedensten Gesichter als Erzähler: mal witzig (Kalmar und Elektra), mal brutal und actiongeladen (Ein Wiedersehen, Die Bruderschaft), dann wieder sadistisch (Wurzeln) und schließlich schlicht schrecklich widerwärtig (Verborgen). Während Ennis in den anderen Geschichten geschickt eine Balance bewahrt zwischen Gewaltorgie und schwarzem Humor, verliert er diese in Verborgen. Die Story um einen Jungen, der unter seiner extrem übergewichtigen Mutter gefangen wird, als diese nach einem tödlichen Herzinfarkt auf ihn stürzt, dort wochenlang festsitzt, und nur überlebt, weil er sich durch die langsam verwesende Leiche durchfrisst, ist wirklich jenseits von unappetitlich.
The Importance Of Being Earnest
Kurz darauf trat jedoch ein Wandel in Ennis’ Punisher ein. Ennis schrieb noch im selben Jahr, 2003, neben The End auch das sehr düstere, aber dafür umso stimmungsvollere The Punisher: Born. Die Origin-Story über die Erlebnisse von Frank Castle im Vietnamkrieg beleuchtet, wie aus einem normalen Mann und Soldaten ein massenmordendes Monster wie der Punisher werden konnte. Dadurch, dass der Autor sich so selbst einen tieferen Einblick in die Psychologie des Punisher erarbeitet hatte, nahm er seine Figur nun viel ernster. Die monatliche Serie wurde ins Marvellabel MAX verschoben, das sich ausschließlich an ein erwachsenes Publikum richtet, begann aufs Neue bei Ausgabe 1 und Ennis Schreibstil änderte sich nachhaltig, was sich paradigmatisch an Valley Forge, Valley Forge illustrieren lässt: In der Geschichte haben korrupte Generäle Frank Castle im Visier. Er weiß zu viel über ihre illegalen Geschäfte und hat sogar Beweise dafür. Die Generäle schicken Castle eine Spezialeinheit auf den Hals, und der Punisher steckt in einem Dilemma, denn so sehr er bereit ist, jeden Kriminellen über die Klinge springen zu lassen – bei den unschuldigen Soldaten der Spezialeinheit ist das doch etwas anderes ...
Garth Ennis’ Schreibe ist fast nicht wieder zu erkennen, der Tonfall nun ein ganz anderer; der schwarze Humor ist einem nachdenklichen, fast tragisch zu nennenden Ernst gewichen, und die Gewalt hat ihren Splattereffekt verloren, bleibt aber dennoch nach wie vor sehr graphisch. Die Geschichte ist viel realistischer als frühere Punishercomics, sowohl in ihrer erzählerischen Konzeption als auch in ihrer zeichnerischen Komposition: Goran Parlovs klare Linien wirken nüchtern und hart, harmonieren dadurch aber eindrucksvoll mit Ennis’ schnörkelloser Erzählung. Gerade narrativ zeigt sich, dass Ennis sich weiterentwickelt hat. Er verzichtet nun darauf, die Geschehnisse aus der Perspektive Castles zu erzählen, die in den Comics der Garth Ennis Collection 3 noch durch Zwischentitel vermittelt wurde. Stattdessen schafft es Ennis, alle nötigen Informationen über den Dialog zu transportieren und lässt ansonsten Parlovs Zeichnungen für sich sprechen. So ist Valley Forge, Valley Forge dann ein rundherum gelungener Comic und ein schöner Abschied für Garth Ennis nach zehn Jahren Punisher.