‚Noir’ wird als Begriff entschieden zu oft verwendet – Werbeabteilungen und Filmjournalisten verwenden ihn inflationär, sobald ein Krimi ein wenig düsterer ist als sonst, oder nur ein bisschen versucht, unheimlich zu sein. Der irische Autor Ken Bruen hat dafür den Ausdruck „noir light“ geprägt. Batman: Joker fällt ganz eindeutig nicht in diese Kategorie – Hier haben wir echten Noir: In Azzarellos Geschichte ist die Unterwelt in Aufruhr, denn der Joker wird aus der Irrenanstalt entlassen. Keiner weiß, wie er das geschafft hat, und doch ist er wieder da. Der Kleinganove Johnny Frost wird geschickt, um ihn abzuholen. Joker ist wenig begeistert, denn seinen Empfang hat er sich anders vorgestellt: Seine Beute ist weg, sein Territorium haben sich andere Gangsterbosse unter den Nagel gerissen – ärgerlich stellt er fest, dass er sich alles wird zurückholen müssen ...
Greek Tragedy for the Underclass
In der amerikanischen Filmpublizistik beschreibt man den Film noir gern als Griechische Tragödie der Unterschicht. Damit ist gemeint, dass der Protagonist einer ‚richtigen’ Noir-Story meistens ein kleiner Mann ist, ganz weit unten in der Nahrungskette der Kriminalität, dessen Geschichte unvermeidbar tragisch enden wird. In Joker ist dieser Mann Johnny Frost. Er ist die Hauptfigur der Graphic Novel noir, durch deren Augen wir den Aufstieg und Fall von Jokers neuem kriminellem Imperium beobachten können. Der kleine Möchtegern-Gangster ist geblendet von der strahlenden Persönlichkeit des Superschurken und wünscht sich nichts mehr, als eines Tages so zu sein wie sein großes Vorbild. Dabei bemerkt er nicht, dass er dessen Welt nicht gewachsen ist, und er sich am unberechenbaren Joker verbrennen wird wie Ikarus an der Sonne.
Frosts Fehler wird dem Leser nur allzu verständlich gemacht, denn Azzarellos Joker ist eine faszinierende Figur: überlebensgroß, mysteriös und bedrohlich, getrieben und besessen von dem Gedanken die Macht in Gotham City zurückzugewinnen. Doch darin ist er ebenso zum Scheitern verurteilt wie sein Apologet Frost, denn es gibt ja noch Batman. Täuschen lassen sollte man sich jedoch nicht. Batman: Joker ist keine Batman-Story, wie der deutsche Titel suggeriert – im Englischen heißt der Comic viel treffender schlicht und einfach Joker. Tatsächlich kommt Batman auf gerade einmal acht Seiten der gesamten Geschichte vor. Dennoch bestimmt er das Geschehen, etwa wenn der Joker ein ums andere Mal die Schatten um sich herum absucht, panisch darauf wartend, dass Batman endlich zuschlägt. Er ist das personifizierte Schicksal, das von Joker befürchtet wird und ihn am Ende tatsächlich ereilt.
Lost in Translation
Brian Azzarellos und Lee Bermejos Joker ist ein großartiger Comic. Azzarellos assoziative Schreibe verleiht den Figuren Tiefe und sorgt für glaubhafte Konflikte. Das einzige Problem ist, dass sich Azzarellos verweisungsreiche Figurensprache nur schwer übersetzen lässt. So ist zum Beispiel Frosts Kommentar „Ich bin auf dem Gipfel der Welt“ im Angesicht seines Untergangs nur schwer als das White Heat-Zitat „Look Ma, I’m on top of the world!“ zu erkennen, als das es im Original gemeint war. Dafür wird Azzarellos Neo-Noir umso wunderbarer von Lee Bermejos düsteren und schattenreichen Zeichnungen eingefangen. Bermejos Stil ist kantig und expressiv, dennoch wird die Welt von Gotham City beinah fotorealistisch interpretiert. Von vielen Comicautoren cartoonartig gezeichnete Figuren wie Killer Croc oder der Penguin sehen in Joker aus wie richtige Menschen. Der realistischere Look verdankt sicher einiges den neuen Batman-Filmen, die eine ganz ähnliche Herangehensweise an den Tag legen. Auch die Figur des Jokers selbst erinnert an die Filmfigur, insofern sie Make-up trägt und ihr charakteristisches Grinsen Gesichtsnarben geschuldet ist. Dennoch haben Bermejo und Azzarello keinen gezeichneten Heath Ledger, sondern eine eigenständige Figur erschaffen, mit einem eigenen Charakter und einer ganz eigenen Faszination.