Detective Inspector Karen Pirie geht einer nicht ganz gewöhnlichen Anzeige nach. Misha Prentice meldet ihren Vater nach über 20 Jahren als vermisst. Kein Fall für die Detective Inspector, die sich eigentlich mit ungelösten Fällen beschäftigt, doch reizt sie der Hintergrund der Geschichte, die Motive der jungen Frau, die ihren erkrankten Sohn nur durch eine Knochenmarkspende retten kann und daher dringend einen nahen Verwandten finden muss. Also begibt sich Karen Pirie auf die Suche nach dem verschollenen Mick Prentice. Ihre recht inoffiziellen Ermittlungen führen sie in die Vergangenheit, ins Jahr 1984, in dem ein erbittert geführter Bergarbeiterstreik die gesamte Region in schreckliche Armut und Verzweiflung stürzte. Und bald muss Inspector Pirie feststellen, dass sich die Menschen auch heute nur ungern erinnern und über die teilweise schrecklichen Geschehnisse lieber schweigen.
Zum selben Zeitpunkt entdeckt die überaus ambitionierte Enthüllungsjournalistin Bel Richmond in der Toskana ein Poster, das vor Jahrzehnten eine bedeutende Rolle in einem spektakulären Entführungsfall spielte. Die Spur führt Bel direkt nach Schottland zu einem der reichsten Großindustriellen der Region, dessen Tochter und Enkelsohn vor mehr als 20 Jahren entführt wurden. Während die Tochter bei der Lösegeldübergabe starb, gilt der Enkel bis heute als vermisst. Für Bel scheint es die Story ihres zukünftigen Ruhmes, und so geht sie einen gefährlichen Deal ein. Wird Karen Pirie, die bald ebenfalls in dem neu geöffneten Fall ermittelt, die Journalistin vor ihrem eigenen Ehrgeiz retten können?
Auf den Spuren des eigenen Herkommens
Val McDermid, Tochter einer Bergarbeiterfamilie aus dem schottischen Fife, erzählt mit scharfem Blick und viel Sympathie für das Bergarbeitermilieu von einem spektakulären Streik in den 80er Jahren, der Geschichte schrieb. Und dabei gelingt ihr ein erschütterndes Porträt der Bergarbeiter, die zwischen Zusammenhalt, Solidarität und Freundschaft doch kaum eine Chance gegen die knappen Rücklagen der eigenen Gewerkschaft, die eigenen Funktionäre oder gar die eiserne Hand der Thatcher-Regierung hatten. McDermid entwirft ein fein verästeltes Erzählkonstrukt, in dem sie Klassenbewusstsein, Hierarchien, Recht und Willkür, Macht und Eigenmächtigkeit brillant vorführt. Milieustudien, die neben den Bergarbeitern und den Superreichen vor allem auch die Polizei unter der inspizierenden Lupe hintergründig sezieren.
Das alles macht aus Nacht unter Tag eine spannend clevere Lektüre. Doch lauert in der Story ein Erzählmodus, der irgendwann fast ins Manische abdriftet. Gleichgültig zu welcher Zeit, an welchem Ort - die Erzählstimme kennt kein Erbarmen, präsentiert praktisch jede erdenkbare Szene und leuchtet diese bis in den hintersten Winkel, bis auf das letzte Staubkörnlein aus. Dazu gibt es noch eine Liebesgeschichte, die gar keine ist, aber - es sei verraten - trotzdem ein Happy End findet.
Nacht unter Tag setzt sich aus, so scheint es, mehreren tausend Episoden zusammen, die alle schwer verschachtelt sein müssen, wenn sich eins zum anderen finden soll. Und obwohl die Geschichte immer stärker in der eigenen Erzählspirale trudelt und trudelt, blickt doch der Leser bald durch und - das ist nicht gut für die Spannung - wird am Ende in all seinen Erwartungen nicht enttäuscht. Schade - da wurde dem eigentlichen Reiz des Textes der Kick herauserzählt.