Frank Lincoln ist ein verbitterter Mann. Seit seine Frau vor fünf Jahren spurlos verschwand, ist er auf der Flucht. Aus Angst vor neuen Beziehungen stürzt er sich in seine Arbeit, seinen Kummer ersäuft er in der täglichen Flasche Bourbon. Darunter leidet besonders seine Tochter, die sich in der Pubertät ein klein wenig mehr Rat und Beistand von ihrem Vater erhofft hätte. Frank Lincoln konzentriert sich jedoch nur auf das, was er wirklich kann. In seinem neuen Job als Privatdetektiv hat er schließlich genügend Erfolge vorzuweisen. Und auch beim Trinken macht ihm so schnell keiner etwas vor. Im Umgang mit Frauen hat er hingegen so seine Schwierigkeiten: Für die Probleme eines heranwachsenden Mädchens mangelt es dem harten Knochen schlichtweg an Empathie.
Salz in der Suppe
Damit hat der französische Zeichner und Szenarist Marc Bourgne alle Zutaten für einen spannenden Krimi bereitet. Trotz aller Anlagen seines Protagonisten zum „lone wolf“ ist Frank Lincoln kein „hardboiled“-Comic geworden. Zwar hat Lincoln einen enormen Nikotin- und Alkoholverbrauch, ist im Umgang mit Waffen eiskalt und übt eine erstaunliche Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht aus, macht davon aber nur im Notfall Gebrauch: Er tötet ausschließlich, wenn das eigene Leben in Gefahr ist, mit Frauen steigt er nur dann ins Bett, wenn es die Ermittlungen voranbringt. Das versoffene Raubein bleibt nebenberuflich eben doch ein zwar häufig überforderter und unbeholfener, aber treusorgender Vater und Ehemann, der seine Frau auch fünf Jahre nach ihrem Verschwinden nicht durch eine andere ersetzen will. Die Mischung aus Arbeitswut und Pflichtbewusstsein, Verzweiflung und Hoffnung ist es dann auch, die Frank Lincoln das nötige Salz in der Krimisuppe verleiht. Neben der konfliktgeladenen Ausgangskonstellation im Privaten und gefährlichen Fällen im Beruf, hält vor allem die Suche nach der verschwundenen Ehefrau den Ermittler auf Trab und die vier Geschichten zusammen, die in zwei Bänden nun erstmals auf Deutsch vorliegen.
Eine Prise Norden
Marc Bourgne würzt die Kriminalfälle um den Privatdetektiv zusätzlich mit einer Prise Exotik. Anstatt den aufwallenden Brodem des nächtlichen Molochs Großstadt durchstreift Frank Lincoln die klaren, schneebedeckten Weiten Alaskas. Dementsprechend ungewöhnlich fallen Schauplätze und Fortbewegungsmittel aus. Den Platz von U-Bahn und Taxi nehmen Helikopter, Wasserflugzeug und Geländewagen ein. Es wird auf Bohrinseln, Bäreninseln und mitten in der Wildnis ermittelt. Dem Szenaristen Bourgne gelingt dabei ein überzeugendes Bild des hohen Nordens, das sich in präzisen Beobachtungen nordamerikanischer Innen- und Außenansichten des Zeichners Bourgne niederschlägt und sicherlich seinem großen Interesse am 49. Bundesstaat der USA geschuldet sein dürfte: 1989 schloss Marc Bourgne sein Studium mit einer Abhandlung über Alaska ab und bereits sein erster Comic Être Libre ist in den eisigen Gefilden angesiedelt. Gelungen ist auch die Kolorierung Bruno Pradelles, die in ihren besten Momenten den Wechsel der Jahreszeiten durch eine Verschiebung der Farbskala subtil unterstreicht.
Fader Beigeschmack
Trotz der spannenden Geschichten, die meist eine Mixtur aus Thriller und Whodunit darstellen, mischt sich unter den Lesegenuss ein fader Beigeschmack. Einerseits stoßen die teils hanebüchenen Plots übel auf, die für das beschauliche Alaska mit seinen rund 700.000 Einwohnern dann doch etwas zu sehr nach ganz großem Hollywood-Kino schmecken. (So tummeln sich neben großspurigen Gangsterbossen geklonte Sektenkinder.) Andererseits hätten vor allem die Dialoge etwas mehr Pep vertragen, kommen sie doch allzu häufig hölzern, umständlich konstruiert oder schlichtweg zu lang daher. Marc Bourgne neigt leider an vielen Stellen dazu, dem Leser die Fakten über Sprechblasen von hinten durch die Brust ins Auge zu schießen, wo besser nur die Bilder gesprochen hätten oder manche Dinge unausgesprochen geblieben wären. Dies führt zu Sätzen, die im wahren Leben so nie fallen würden und denen man ihren einzigen Zweck – die reine Informationsvermittlung – deutlich anmerkt. Dem Szenaristen Bourgne seien daher vom Zeichner Bourgne für die kommenden Geschichten etwas realistischere Dialoge und Geschehnisse ans Herz gelegt. Dann steht einem uneingeschränkten Krimigenuss nichts mehr im Wege.