Thomas Kistner: Fifa-Mafia Men in Black 3 - jetzt im Kino! von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 22:49

Peter Robinson: Im Sommer des Todes

10.10.2009

Verlorene Unschuld?

Sie tanzten im Schlamm, berauschten sich an Alkohol und Drogen und zelebrierten ein Fest der Liebe. Woodstock 1969: Hippies, Frieden und Musik. Hunderttausende feierten friedlich einen neuen Lebensentwurf, der sich gegen das Establishment richtete. Peter Robinson erzählt in Im Sommer des Todes, dem neuen Alan-Banks-Krimi, wie der Sommer der Liebe vor vierzig Jahren auch ins ländliche Yorkshire einzog und ein brutaler Mord an einem Hippie-Mädchen für Entsetzen sorgte. Und fast möchte man bei aller Nostalgie dies als Sinnbild lesen für eine Bewegung, die Anfang der 70er langsam ihre Unschuld verlor. ANNA VERONICA WUTSCHEL erfreut sich am Soundtrack …

 

1969 lockt das Brimleigh Rockkonzert mehr als 25.000 Musikbegeisterte für ein Wochenende auf das Festival-Gelände. Alles verläuft friedselig, die Sicherheitsleute haben lediglich etwas Stress mit einigen Skinheads, die Besucher lassen sich begeistert von Bands wie Pink Floyd, Fleetwood Mac, Jan Dukes de Grey und Led Zeppelin sowie von einigen, das Bewusstsein erweiternden Substanzen berauschen. Als bei den Aufräumarbeiten jedoch die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, scheint das Idyll zerstört. Inspector Stanley Chadwick, ein Ex-Soldat mit überaus konservativen Ansichten, der als ‘harter Hund’ gilt, begibt sich widerwillig und voller Unverständnis in das Sündenpfuhl-Milieu der langhaarigen, nichtsnutzigen Hippies und ihrer entsetzlichen Musik, um einen Mörder zu stellen.

Mehr als 30 Jahre später ermittelt Inspector Alan Banks in einem zunächst recht unspektakulär wirkenden Mordfall. Ein Tourist, den man bald als den Musikjournalisten Nick Barber identifizieren kann, wurde in seinem gemieteten Cottage erschlagen. Die wenigen Wertgegenstände, die der junge Mann mitgebracht hatte, fehlen, aber nichts deutet auf einen Einbruch hin. Viel spricht hingegen dafür, dass Barber seinen Mörder kannte, und es wäre möglich, dass die junge Frau, mit der er ein flüchtiges Verhältnis einging, sich betrogen fühlte und die Nerven verlor. Und was ist mit ihrem strengen Vater, der das Mädchen ständig mit Argusaugen überwacht?

MOJO …

Banks begibt sich auf die Spuren des Opfers und fragt sich bald, was Barber bewog, seine Zeit in einem so abgelegenen Ort zu verbringen. Als Banks, der leidenschaftliche Musikliebhaber, erfährt, dass der junge Journalist für eine Story recherchierte, die in dem renommierten Musikjournal MOJO erscheinen sollte, glaubt er, hier die wahren Motive für den Mord finden zu können. Barber arbeitete offensichtlich an einem Artikel über die international erfolgreiche Band Mad Hatters, deren Wurzeln in Yorkshire liegen und die sich zu diesem Zeitpunkt auf ihr großes Comeback vorbereitet. Und obwohl die meisten Mitglieder inzwischen in L.A. leben, scheint Barber in den idyllisch einsam gelegenen Dörfern Yorkshires brisante Spuren der Bandgeschichte ausfindig gemacht zu haben. Kam der Journalist einer mörderischen Wahrheit zu nahe? Und was passierte in den wilden Zeiten Ende der 60er, Anfang der 70er tatsächlich? Damals residierten die Mad Hatters ständig in den Dales, wo sie 1969 auch auf dem legendären Brimleigh-Festival spielten.

Neben dem Name-dropping zahlreicher Bands, die damals ihre Karriere begannen und Weltruhm erlangen sollten, erinnert Robinson auch an kleinere, inzwischen von der Masse fast vergessene Stimmen wie z. B. Atomic Rooster oder Jan Dukes de Grey. Die in den Text eingeschriebenen Tracks sind selbstverständlich reinstes Hörvergnügen für die Älteren, die sich erinnern, wie auch für die, die vor allem englischen (psychedelischen) Rock lieben. Die einzige fiktive Band, die Mad Hatters, scheint in der Zusammenstellung der unterschiedlichen Charaktere fast wie der Realität entsprungen. Vor allem das traurige Schicksal der von Robinson erdachten Musiker-Legende Vic Greaves scheint angemessen glaubwürdig dem Schicksal eines Syd Barrett (Pink Floyd) oder Peter Green (Fleetwood Mac) nachmodelliert, während die Entwicklungen im Music Biz über die letzten vierzig Jahre auf unterschiedlichste Weise in den Text einfließen.

Der Sündenfall

Es gelingt Robinson grandios seine zwei Zeitebenen, in denen er abwechselnd von zwei Mordermittlungen erzählt, zu verweben, Fädchen um Fädchen enger zu ziehen, so dass am Ende eine einzige, ziemlich spannende Geschichte aus vielen kleinen Puzzleteilchen entsteht. Fast ein wenig zu routiniert, zu souverän konstruiert verkreuzt Robinson seine Zeitebenen vielfach, sodass neben den Morden und selbstverständlich neben der Musik vielerlei als Bindeglied dient. Dabei korrespondieren die zwei Ermittler Chadwick und Banks wunderbar in ihren Gegensätzen und Gemeinsamkeiten, auch wenn die Themen Moral und Vaterschaft recht überstrapaziert wirken, der Handlung den flow blockieren. Robinson schickt seine zwei Protagonisten, auf clevere Weise erdacht, durch die unterschiedlichsten Milieus der Gesellschaft: die Hippies, die Polizei, London, die Kleinstadt, das Dorf, die Musiker und das kommerzialisierte Business der Musikindustrie, so dass diese ziemlich genial aus mehreren Perspektiven betrachtet immer wieder umkoloriert werden. Wer sich mit den ‘Blumenkindern’ beschäftigt, muss sich mit Moralvorstellungen auseinandersetzen – wie Robinson z. B. das Thema ‘Sündenfall’ an zahlreichen seiner Figuren durchvariiert, ist überaus beeindruckend.

Zeitreise

Die Zeitreise zurück in die späten 60er, frühen 70er ist Nostalgie pur und führt den Leser in die Gefilde von psychedelischer Ekstase, freier Liebe und der in der Rückschau leider naiv, aber sympathisch wirkenden Vorstellung, friedlich eine friedliche Welt gestalten zu können. Nostalgie pur also, doch versteht es Robinson klug – wenn auch viel zu analytisch – die Vergangenheit nicht zu verklären, sie ganz im Gegenteil in den unterschiedlichen Rückblenden kritisch zu durchleuchten. In dieser Hinsicht jedoch geht es zu beschaulich zu, da fehlt der liebevoll sarkastische Blick auf obskure Episoden, man vermisst die skurrilen Details, die scharfsinnig überspitzte Beobachtung, die die Ära der Hippies praktisch herausfordert. Und überhaupt sucht man den Witz im Dialog, die echten Typen (das scheint im kurzen Auftritt von Detective Constable Rickerd angedacht), die Handvoll erzählerischen Esprits vergebens. Die Auflösungen der Fälle überraschen den Leser schlussendlich weniger als die Ermittler, die ihr Autor lange auf Abwegen umherführt. Dennoch ist Im Sommer des Todes spannende Lektüre, die auf vielen Ebenen zu überzeugen weiß. Und klar, der zum Mord gelieferte Soundtrack reißt fast alles wieder raus.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

 

TITEL-Kulturmagazin bietet regelmäßig Neuigkeiten aus Literatur, Musik und Film. Unabhängig und kompetent - seit über 10 Jahren!

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Dichter und Diplomat

»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Raubbau an Körper und Seele

In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...

Kampf der Superlative

Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Back for good

Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...