Iris Johansen: Die Knochenleserin
09.01.2010
Monströse Trivialitäten
Dass in Märchen immer ein tieferer Kern Wahrheit steckt, mag richtig sein. Nicht so, wenn Iris Johansen zur Feder greift und die uralten Storys von Helden, Prinzessinnen und Monstern immer wieder neu klischeegesättigt ineinander ‚schlendriant'. Rührselige Dramatik und Kaskaden von irrwitziger Gewalt wollen Spannung erzeugen, zeichnen dabei allerdings ein derart absurdes Szenario, dass das implizite Feiern von Heroismus, Privatkriegen und Selbstjustiz – gottlob – nicht wirklich ernst genommen werden kann. Von ANNA V. WUTSCHEL
Die Suche nach der seit Jahren vermissten Tochter Bonnie geht für Eve Duncan in Die Knochenleserin in die nächste Runde. Und wie erwartet, wird die Jagd nach Bonnies vermeintlichem Mörder nicht nur erneut eine harte Bewährungsprobe für Eves Beziehung zu Joe Quinn, sondern auch ein teuflisch mörderisches Langzeitgemetzel. Nach den unsäglichen Abenteuern, die Eve nicht ganz freiwillig im kolumbianischen Urwald überstehen musste (vgl. Netz des Todes, 2007), hat Montalvo, der Ex-Drogenbaron und Ex-Waffenschieber, Wort gehalten: Drei Männer hat er ausfindig gemacht, die eventuell Eves Tochter getötet haben könnten. Und schon sehr bald ist Joe Quinn einem der drei auf den Fersen.
Jener ist fieser als gedacht, tötet erst den Sheriff einer Kleinstadt, treibt Spielchen mit Eve und lockt diese in die tiefsten Sümpfe. Denn dort könnte nicht nur Bonnies Grab zu finden sein, dort hält er sich auch mit einem weiteren Opfer, einem kleinen Mädchen, versteckt. Und in den Sümpfen kennt sich der pädophile Mörder bestens aus, ist er – na klar – in Nahkampf- und weiteren Überlebensstrategien hervorragend geschult. Gut, dass Eve ihre kleine Privatarmee in der Hinterhand hält, denn auch Joe Quinn und Montalvo sind im Kampf in unwegsamem Gelände, zwischen Schlangen und Alligatoren, auf der Jagd nach ‚Monstern' mehr als geübt.
Die Situation ist aber nicht nur wegen der schrecklichen Ereignisse, der vielen Toten hochdramatisch. Eve kann den Gedanken kaum ertragen, eventuell dem Mörder von Bonnie auf der Spur zu sein, vielleicht das Grab ihrer Tochter zu finden. Und auch Joe kann die psychische Belastung kaum bewältigen, will er doch Eve vor allem Übel dieser Welt beschützen – ein wahrlich ehrgeiziges Projekt. Hinzu kommt der verführerische Montalvo, der keinen Hehl daraus macht, dass er Eve gern auf sein Schloss führen möchte und sie Joe ohne Zögern wegnehmen wird, sobald sich die Gelegenheit bietet.
Viel Tumult, wenig Inhalt
Die Gefühlslage ist also in jeder Hinsicht bis zum Zerreißen gespannt, die Emotionen scheinen außer Rand und Band. Schließlich jagen Eves ‚Soldaten der Liebe' nicht nur einen Vielfach-Kindermörder, der ein weiteres kleines Mädchen entführt hat, sie ringen auch mit- und untereinander. Leidenschaft liegt in der Luft und will zuweilen trotz aller äußerer Widrigkeiten befriedigt werden.
Da diese Story zwar viel Tumult, aber wenig Inhalt hergibt, trickst Iris Johansen, um über 300 Seiten vermeintlich rasant etwas zu erzählen. So lässt Montalvo zunächst seine Kontakte zur CIA spielen, um das FBI in den Fall zu involvieren. Der gesandte FBI-Mann indes scheint launenhaft und lustlos, und am Ende weiß niemand so recht, warum er auftauchte, um dann nach etlichen Morden unverrichteter Dinge zu entschwinden. Und auch ein Medium, die Ärztin Megan Blair, sollte der Geschichte wohl übersinnliche Würze verleihen. Doch kann Megan, die mit ihrer Fähigkeit hadert, tatsächlich auch nach Jahren die Todesschreie sterbender Kinder wahrnehmen? Viel Zweifel und eine Menge barscher Unhöflichkeiten muss Megan ertragen, bevor Eve beginnt, ihr zu vertrauen. Die Hilfe allerdings, die das Medium anbietet, scheint nicht nur ihre eigene Seele zu überfordern. Und dann verfügt sie auch noch über eine weitere Fähigkeit, die für alle Beteiligten äußerst bedrohlich werden könnte …
Das Ende darf natürlich nicht vorweggenommen werden, doch steht zu befürchten, dass Iris Johansen ihr Elite-Nahkampfteam auch im Nachfolger von Die Knochenleserin erneut durch die gleichen monströsen Trivialitäten jagen wird – und auch das könnte gar eine Kunst sein!
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