Will Eisner / Darwyn Cooke: The Spirit. Band 3
16.01.2010
Ein Klassiker in der modernen Comicwelt
Vom Zeitungscomic-Klassiker zum aktuellen Comicheft-Helden: Der Spirit ist wieder da. Hatte man sich bisher mit Nachdrucken der Meisterwerke von Will Eisner aus den vierziger und frühen fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begnügt, setzt der US-Verlag DC nun seit einiger Zeit namhafte und begabte Autoren und Zeichner auf den Stoff an. Ein in mehrfacher Hinsicht riskantes Projekt: Dass sie sich an einen der besten realistischen Comics überhaupt wagen, scheint den Machern bewusst zu sein. Zudem stellt sich aber die Frage: Taugt der Spirit dazu, in die Gegenwart verpflanzt zu werden? Von ANDREAS ALT
Von 1940 bis 1952 erschien der amerikanische Zeitungscomic The Spirit, geschaffen und überwiegend betreut von dem namhaften Autor und Zeichner Will Eisner. The Spirit setzte Maßstäbe bei der Weiterentwicklung des Mediums und blieb lange Zeit unerreicht in der Meisterschaft, das US-Großstadtleben seiner Zeit und die dort anzutreffenden skurrilen Charaktere zu schildern, wobei der maskierte Detektiv Spirit vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend in den Hintergrund trat. Im Vergleich zu den bereits in den dreißiger Jahren aufgekommenen Comicbook-Helden blieb dieser Zeitungsserie, für die stets sieben Seiten in der Sonntagsbeilage zur Verfügung standen, der ganz große Erfolg versagt. Ihre immense Bedeutung für die Comics generell ist aber unter Fans und Spezialisten von jeher unbestritten.
Seit den siebziger Jahren ist die Serie in den USA und kurz darauf auch hier nachgedruckt worden und im vergangenen Jahr sogar im Kino gelandet. 2007 hielt der Superman-Verlag DC die Zeit für reif, neue Spirit-Abenteuer auf den Markt zu bringen. Der deutsche Lizenznehmer Panini ermöglicht es, dieses Projekt in Form von Trade-Paperbacks auch hier mitzuverfolgen. Band 3 versammelt die im vorletzten Jahr erschienenen Ausgaben 13 bis 18. Ein durchaus interessantes Projekt: Wird der in den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verankerte Verbrechensjäger modernisiert? Und wenn ja, wie passt er in die heutige Zeit? Oder üben sich Beteiligten eher in Zitaten und Hommagen?
Einfallsreiche, raffinierte Storys
Vorweg: Schlechte Arbeit kann man den Autoren und Zeichnern nicht vorwerfen. In Band 3 jedenfalls, in dem Sergio Aragones und Mark Evanier (bekannt durch Sergio Aragones zerstört Marvel und Sergio Aragones zerstört DC) den Großteil der Storys liefern, sind einfallsreiche, oft raffinierte Krimis versammelt, ansprechend, gekonnt und detailreich grafisch umgesetzt von Künstlern wie Paul Smith, Mike Ploog, Eduardo Risso und Alvir Amancio, die ihr Handwerk virtuos beherrschen. Es sind keinerlei offenkundige Schwächen zu entdecken. Und doch …
Zum Start der neuen Spirit-Comics hatte einer der Zeichner, Darwyn Cooke, seinen tiefen Respekt vor Eisner ausgedrückt: Er sprach von den „Fußstapfen eines Riesen“ und gestand: „Ich kann nicht toppen, was Eisner getan hat, weshalb sollte ich es also versuchen?“ Sollte diese Haltung auch auf die Mitwirkenden in diesem Band zutreffen, so verstehen sie es gut, sie zu verbergen: Sie meinen, sie könnten es besser als das mehr als 50 Jahre alte Vorbild. Dabei wird der Stoff halbherzig modernisiert, der Spirit als actionbetonter Gangsterjäger reaktiviert. Obwohl hier für eine Story statt sieben in der Regel 20 Seiten zur Verfügung stehen, werden die Grenzen der Genreregeln kaum einmal überschritten, während Eisner häufig komplexe, hintergründige Kurzgeschichten gelangen, die etwas über die damalige Gesellschaft oder besondere Individuen deutlich machten.
Der Spirit des Originals fehlt
Darin sind Eisner bis heute, zumindest in USA, nur wenige Comicautoren gefolgt – am ehesten im Bereich der Underground-Comix oder in den besten Graphic Novels (eine Comic-Ausdrucksform, die übrigens ebenfalls wesentlich auf Eisner zurückgeht). Die neuen Spirit-Macher zeigen da von vorneherein wenig Ambitionen. Sie liefern gekonnte Unterhaltungslektüre, wie sie der Markt verlangt, der aber der Geist, der Spirit des Originals fehlt. Der Titelheld ist austauschbar, nur Kleidung und Maske entsprechen Eisners Schöpfung. Der Beweis, dass er auch unserer Zeit etwas zu sagen hat, muss noch angetreten werden.
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