Jean-Christophe Grangé: Choral des Todes
16.01.2010
Maßlos reißerisch aufgedonnert
Jean-Christophe Grangé gehört zu den Autoren, die, obschon mit gewissen Qualitäten, alles superlativistisch abhandeln. Ultraböse, ultrabrutal, ultrabescheuert. Weniger wäre mehr, auch in seinem neuen Buch, meint ANNA VERONICA WUTSCHEL.
Streng nach Dienstvorschrift vorzugehen, ist die Sache dieses Ermittlergespanns nicht. Als kurz vor Weihnachten in Paris ein Mord in einer armenischen Kathedrale geschieht, nimmt der zufällig anwesende, längst pensionierte Polizist Lionel Kasdan die Ermittlungen in die Hand. Und muss sich bald mit dem direkt aus dem Drogenentzug entwischten, vom Dienst beurlaubten Ermittler Cédric Volokine arrangieren. Für die beiden soll es ein langes und brutales Weihnachten werden, während dessen das gar nicht so ungleiche Duo ohne jede Befugnis im Alleingang ermittelt. Und das, ohne je von offiziellen Stellen behelligt zu werden.
Wüster Unfug ...
Jean-Christophe Grangé erzählt in Choral des Todes einen Plot, der einer schmutzigen Realität entschlüpft ist und sich in abenteuerliche Eskapaden von Fiktion steigert. Hart an der Grenze zwischen Möglichem und hanebüchenem Unsinn balanciert Grangé jedoch eine eigene innere Logik aus, die der geneigte Leser durchaus entschlüsseln kann. Existiert die Dynamik des Bösen? Und könnten die Freunde und Förderer dieses Bösen ihre Gräueltaten über Jahrzehnte und Jahrhunderte beständig weiterkomponieren und protegieren?
So träufelt Grangé dem Leser einen kühnen Trunk ein, dessen Ingredienzien sich aus politisch verbrecherischen Geheimoperationen, Kriegen, Militär-Juntas, Nazis, Tibet und rechtsfreien Räumen zusammensetzen. Sich auf Mythen und Legenden, makaber widerlicher Forschung und Folter stützend, braut Grangé flugs eine Mordserie dazu, deren Motive Jahrzehnte zurückliegen und deren Mordwaffe und Tötungsart unerklärlich scheinen. Während die Ermittlungen sich enorm verwickeln, wird die wahnwitzige Theorie, dass junge Chorknaben mit ihren reinen Stimmen die schlimmsten Grausamkeiten verkörpern, immer wahrscheinlicher. Wüster Unfug also? Der allerdings so elegant auf Geschichte und Realitätsbrocken errichtet wurde, dass der Leser Grangés verpflochten ungezügelter Fantasie über die Langstrecke von fast 600 Seiten gern folgt.
... brillant gemacht
In gewohnt gekonntem, lockeren Erzählstil konstruiert Grangé bestens eine fast gradlinige und eigentlich langatmige Story, die jedoch insgesamt Spannung und Tempo zu halten weiß. Wie gewohnt greift er dabei tief in die Bestseller-Musterkiste, schrammt hart die billigeren Erzähl-Tricks und steuert schwer berechnend auf Effekte und einen lästigen Hyper-Showdown zu. Doch wer Grangés Werke kennt, weiß, dass es ihm trotz all dieser Sperenzchen gelingt, sich mit viel Finesse auf seine Protagonisten zu konzentrieren. Und die sind ebenso schillernd wie faszinierend gezeichnet. Gemächlich entfalten sich ihre Geheimnisse; rasant prallen die beiden Ermittler aufeinander und raufen sich inmitten der prekärsten Situationen prächtig zusammen. Natürlich, Grangé kennt weder Scham noch Scheu, um seine heftig in Traumata verwickelten Figuren fein entschnüren zu können. Doch wie ein bröckliges Sein beharrlich im Laufe der Ermittlungen den hart erkämpften Schein der Persönlichkeit zerstört und dabei komplex weitere Erzählebenen spiegelt, ist schlichtweg brillant.
Traumata, Martyrien, Wahn und Wirklichkeit, Schmerz, Erlösung, Vergeltung und Vergebung sind die Grundmotive, um die sich Choral des Todes dreht. Da ist man fast verwundert, dass es sich bei dem Text nicht etwa um den dritten Teil von Grangés Trilogie über das Böse (Das Schwarze Blut, Das Herz der Hölle) handeln soll. Zumindest vermittelt Choral des Todes den Eindruck, als wolle es den Leser ganz tief in das Böse hineinziehen, als könne der Text ein hochmoralischer sein. Hätte er sich bloß nicht so reißerisch maßlos und weitschweifig aufgedonnert...
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