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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:40

Inspector Barnaby

23.01.2010

Geruhsame Morde

Manchmal ist es sehr nett, sich an kalten Sonntagabenden charmant und intelligent langweilen zu lassen. Eine Qualität, die englische Fernsehserien seit den Tagen der seligen Task Force Police immer wieder kultivieren. Inspector Barnaby gehört dringend in diese Tradition. ANNA VERONICA WUTSCHEL hat sich außerdem noch die DVDs reingezogen …

 

Midsomer, das fiktive Countryside-Idyll, ist ein mörderisches Pflaster. Wahrscheinlich das County mit der höchsten Mordrate in Großbritannien. Dort durchstreift Inspector Barnaby gemütlich sein Revier, löst sich aufstauende Morde und spielt sich seit 1997 in die Herzen des Publikums. Basierend auf den eigenwilligen Romanen von Caroline Graham fand man für die filmische Adaption den erstklassigen Grundton aus Originalität, Tabu-Aufspießerei und ländlicher Behaglichkeit. Das fein ausbalancierte Crossover von Krimi-Cozy und überdrehter Provinz-Komödie weiß den harten Push in die Realität zauberhaft skurril zu übertuschen. Da scheint der Film trotz all der vielen Morde und Verderbtheiten so märchenhaft schön, dass der Zuschauer die boshaft spitze Biedermann-Entblößung niemals auf sich beziehen muss. Doch zuweilen fügt es sich, dass selbst in Midsomer das Leben zu geruhsam wird.

 

Relaxt

So sind auf der kürzlich erschienenen DVD-Box Inspector Barnaby, Volume 6 vier völlig entspannte Fälle zusammengestellt worden, bei denen weder das zynische Feuerwerk noch die besondere Finesse von Spannung zünden will. Inspector Barnaby steuert gewohnt klassisch, mit stoischer Lässigkeit durchs County, John Hopkins läuft als Stichwortgeber Detective Sergeant Scott seinem Chef wie ein bedenklich gedankenvoller Bruce Willis nebenher, um in der vierten Episode vom forsch cleveren Sergeant Ben Jones (Jason Hughes) abgelöst zu werden. Der immerhin spielt Barnabys Sidekick mit so viel kessem Kleine-Jungen-Charme, mit solcher Verve, dass zumindest zum Schluss der Staffel noch ein frisches Lüftchen durch die Serie weht. Natürlich, der Reiz von Midsomer kann auch durch Plots der lahmeren Art nicht gedrosselt werden. Und der Schauspieler-Crew (allen voran der überragende George Baker in einer Doppelrolle) ist anzumerken, dass sie gern mehr aufgedreht hätten, hätte man es zugelassen.

 

Trost?

Da trösten auch kaum die Zugaben, die Edel der sechsten Staffel beigelegt hat. Neben einem wirklich netten Landkarten-Poster von Midsomer (das ab nun ständig zur besseren Meuchel-Orientierung zurate gezogen werden kann), liegt auch noch die Barnaby-Serien-Doku Super Sleuth bei. Zwar wurde diese bereits längst veröffentlicht, wer sich allerdings bislang des Kaufvergnügens enthalten hat, kann sich auch jetzt noch bestens amüsieren. Obschon die Doku in ihrer 55-minütigen Kürze etwas redundant geraten ist, löst sie doch auf informative und äußerst vergnügliche Weise einige Seriengeheimnisse. Darsteller sowie Verantwortliche hinter der Kamera kommen zu Wort und sind so schön platziert, als säßen sie mitten in den Kulissen von Midsomer. Unter anderem wird erläutert, wieso die völlig kuriose Figur des Sergeant Troy für das Fernsehen umgeschrieben werden musste und wieso sich John Nettles sehr lange bitten ließ, bevor er die Barnaby-Rolle annahm. Neben einem bezaubernden Interview mit der sehr humorvollen Autorin Caroline Graham, die die erfolgreiche Romanvorlage lieferte, wird auch noch das Mysterium der eigentümlichen (Titel-)Musik gelüftet. Bei so viel Charme knospt der Flair der Serie schön auf. Die vier Fälle der Staffel hingegen demonstrieren, dass die sonst so oft gelungene ‚Ton-Abnahme‘ der dreisten ersten Folgen nicht immer Früchte tragen will.

 

Vier Folgen

So trifft man in Nachts, wenn Du Angst hast auf eine Menge Wild-Gläubiger. „Doch kann der Frömmste“ bekanntlich wenig Ruhe finden, wenn die Nerven beim dirigierten Kontakt mit dem Jenseits blank liegen. Und auch die Bewohner von Bantling Hall werden in der Episode Erben oder Sterben viel Unbill ertragen müssen, bevor sie peu à peu nach dem Erben langsam wegsterben. Während man sich um das gute Erbstück, das Rennpferd Bantling Boy, sorgt, muss Barnaby auch noch Tochter Cully aufmuntern.

 

Die Melodie des Todes bietet eine weitere Variante der Erberei. Vor zwanzig Jahren komponierte Joan Alder die berühmte Midsomer Rhapsody. Nach einem stürmischen Leben verstarb sie und hinterließ ein Vermögen. Doch hat sie das kostbare Stück Musik tatsächlich allein komponiert? Da hilft auch keine unvermittelte Köpfung mehr, da nickt der Zuschauer bei all der Noten-Fälscherei ganz leicht weg. Doch wie gesagt – kaum taucht Detective Jones auf und löst mit Barnaby den Fluch über Winyard, erwacht auch der von der vorangegangenen Rhapsody noch eingelullte Zuschauer aus seinem Fauteuil zu neuem Leben. Das Spukhaus Winyard hat eine gar fürchterliche Geschichte. Und selbst heute noch wird dort rabiat garrottiert. Beunruhigend, dass sich Barnabys Frau Joyce ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt einer Gruppe anschließt, die sich dem Midsomer-Denkmalschutz, also alten Gemäuern, verschrieben hat.

 

Wohl soll’s euch gehen und freudig ums Herz - Nach diesem Motto könnten die vier Folgen zusammensortiert worden sein. Wenig geistreich, für die Serie fast tabuscheu scheinen die Drehbücher wie mit zahmem Griffel heruntergeschrieben. Das pittoreske Ambiente, der gewohnte Augenschmaus im friedlichen Bilderrhythmus, die immer geschmackvoll inszenierten Gruselmorde sowie die superben Schauspieler lassen den langatmigeren Aufenthalt im brutalen County dennoch nicht gänzlich bereuen. Vor dem nächsten Besuch wünscht man sich jedoch Autoren, die sich wieder ganz fies auf die verderbt humorigen Wurzeln von Midsomer besinnen.

 

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