Daniel Depp: Stadt der Verlierer
06.02.2010
Eine Stadt für Loser
Daniel Depp möchte nicht auf seinen (Halb-)Bruder Johnny angesprochen werden, heißt es. Warum aber steht der dann mit einem mäßig originellen Spruch auf dem Cover? ANNA VERONICA WUTSCHEL hat sich um so was nicht gekümmert und einfach das Buch gelesen.
Überlebenszeit in Los Angeles. Stars und Starlets tummeln sich um den Mythos Hollywood. Die Wirklichkeit ist hart, auch die Verlierer suchen ihr Glück. Die Liebe fällt dann und dort herbei, wenn sie am wenigsten zu gebrauchen ist. Verschlossene Türen müssen sich öffnen beim Kampf um Macht und Geld, wobei die notwendigen Geldsäckel zumeist aus nicht rein legalen Quellen zapfen. Daniel Depp erzählt in Stadt der Verlierer über Los Angeles, den schönen Schein, die Filmindustrie und schwenkt mit boshaftem Blick tief hinter die Kulissen. Das Thema ist dünn und abprobiert. Macht aber nix, denn Depp erzählt sein Debüt mit so viel Klasse, als habe er das alles gerade erst ganz neu ausgebrütet.
Dabei setzt der Autor Depp auch noch auf einen eher abgemagerten Plot: Filmsternchen der Saison Bobby Dye wird bedroht. Aber anders als gedacht. Privatdetektiv Spandau will gar nicht, greift aber dennoch schlagkräftig ein, beginnt fast das Bürschchen zu mögen und muss, nachdem alles aus dem Ruder gelaufen ist, das Böse mit dem Bösen austreiben. Doch eigentlich will Depp wohl etwas anderes erzählen, über das Leben, die Liebe und die Verzweiflung vielleicht.
Pferde und Engel
Fabelhafte Figuren, an deren Perspektiven der Leser schnelltaktig teilhaben darf, rasante Dialoge und bös’ in den Text geschlenzte Realität machen aus Stadt der Verlierer eine amüsante Lektüre. Da ist Spandau, der Privatermittler mit dem beim Rodeo gequetschten Daumen und den Cowboy-Ambitionen. Der harte Ex-Stuntman leidet an gebrochenem Herzen, ist er doch immer noch in seine Ex-Frau verliebt und hat eine Schwäche für ein sehr trauriges Pferd. Da ist sein Klient wider Willen, der aufgehende Stern am Hollywood-Himmel, dessen Streben nach Liebe ihm genauso gefährlich werden könnte wie die Publicity-Klausel in seinem Millionen-Dollar-Vertrag. Da ist Potts, der menschliche Ausrutscher, dem das Selbstvertrauen ausgetrieben wurde, der auf nichts zu hoffen wagt und dem das Glück ganz unerwartet die Türen einrennt. Und da ist der kleine irische Giftzwerg Terry, der, in diversen Kampfsportarten ausgebildet, der perfekte Mann für Spezialaufträge ist – wäre er nicht so ein Womanizer, dem die Hormone querschlagen.
Und dann ist da noch L.A., die Stadt der Engel, die zur großen Protagonistin wird. Die wirft Depp ganz derb aufs Papier. „To write about a City, you either have to love it or hate it, or both“, formulierte einst Chandler. Und viel deutet in Stadt der Verlierer auf eine dieser turbulent inspirierenden Hasslieben hin, die Depp mit der Traumfabrik verbindet. Los Angeles ist hier eine urbane Landschaft, deren Verheißungen an jeder Ecke größer sind als das Dekor, das sie tatsächlich bietet. Macht, Geld, Sexyness und Hässlichkeit verschmelzen zu einem harten Rhythmus, auf den die Stadt es anzulegen scheint. Depp steuert durch ein traurig asphaltiertes, lasterhaftes L.A., wo sich direkt hinter der Illusion die Schmerzgrenze verbirgt.
Smooth Operator
Der Wahnsinn ist nicht nur dicht am Ruhm geparkt, sondern hat so ziemlich jeden am Schlafittchen. Showbizz, Glamour, Verfall und wilder Westen spielen ein verqueres Gespann. Der Privatschnüffler lässt eher tun, die grandiosen Nebenfiguren erledigen den Rest. Da pappt nichts, da rollt alles von der Besetzung der hintersten Stühle bis in die erste (Geldgeber-Mafia-)Riege. Depp verführt den Leser mit einem smart ausbalancierten, originell erzählten (und von Regina Rawlinson wohl auch hervorragend übersetzten) Text, der dann leider zum völlig durchkalkulierten Hollywood-Finale führt. Mit wenig Handlung buddelt Depp am Schöner-Schein-Fundament, das längst freigelegt ist. Und man darf gespannt sein, ob sich der Autor, wenn Spandau in seinem zweiten Fall ermitteln wird, erneut auf uralten Ruheplätzchen ausruhen will.
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