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Dienstag, 07. Februar 2012 | 07:36

Helen Fitzgerald: Furchtbar lieb

20.02.2010

Total toll und lieb

Krimi oder Frauenroman oder Frauenkrimi oder egal? SABINA SCHUTTER jedenfalls mag den Roman von Helen Fitzgerald, zumindest letztendlich.

 

Dieses Buch wird erfolgreich sein, denn es enthält alle Elemente eines guten Kriminalromans, bietet genug Identifikationsfläche für Frauen um die 30 – gerne Akademikerinnen aus dem sozialen Bereich – und ist so richtig „frech“, sprich: die Protagonistin ist witzig und unkonventionell. Bei Hugendubel wird es auf dem Frauenkrimi-Tischchen in einem 10er Stapel liegen und zwar direkt neben Lisa Lutz und – sorry – irgendwas von Janet Evanovich (was in dem Fall aber nicht am Buch liegt, sondern an undifferenzierter Sortierung). Daher hier die filterlose Kritik.

 

Der Klappentext ist toll: Krissy erkennt sich selbst, als sie im Zelt neben dem Ehemann von ihrer besten Freundin Sarah liegt und dessen Sperma schluckt. Wenn es denn der Selbstfindung hilft?! Dann schleift sie ihre beste Freundin tot über einige Steinklippen, nachdem sie sie umgebracht hat. Wer jetzt nicht „getriggert“ ist, den kann nichts mehr schocken, oder?

 

Krissy ist alleinerziehende Mutter, leidet an einer postnatalen Depression, und ihre beste Freundin seit dem Kindergarten ist Sarah, die mit dem perfekten Ehemann verheiratet ist, ein perfektes Haus und einen Kontrollzwang hat. Sarah versucht seit mehreren Jahren verzweifelt schwanger zu werden, und Krissy wird Mutter durch einen zugedröhnten One-Hour-Stand. Das ist ungerecht, findet Sarah, und die Freundschaft der beiden leidet.

 

Dennoch bleibt Sarah die aufopferungsvolle Freundin, die Krissy aus der Klemme hilft, bis diese mit ihrem Ehemann eine Affäre beginnt. Krissy, die sich durch einen extrem promiskuitiven Lebensstil, einer Affinität zu Drogen und Alkohol und anderen Späßen auszeichnet, ist Sozialarbeiterin in Kinderschutzfällen. Sie muss sich allerdings irgendwann eingestehen, dass sie das Wohl ihres eigenen Kindes gefährdet.

 

Spinnen!

Mehr kann hier nicht verraten werden, aber es gibt ein paar wirklich entzückende Stellen in dem Buch. Zum Beispiel die detaillierte Beschreibung des unvergesslichen Geburtsschmerzes. Oder einige sehr nette Slapstick- und Splatterszenen, die nicht vor dem unkonventionellen Einsatz von Zeltpflöcken und Spinnen zurückschrecken. Helen Fitzgerald hat ganz offensichtlich ein gutes Gespür für Unterhaltung und Spannung. Daher gefällt mir die erste Hälfte des Buches ausgesprochen gut.

 

Auch die zweite Hälfte ist recht unterhaltsam, nur läuft es auf ein Finale zu, das mir persönlich zu sozialpädagogisch ist. Ich mag gebrochene Frauenfiguren, wie die von Jenny Siler (Portugiesische Eröffnung, Auf dünnem Eis), oder eben Promiskuität, die keine Erklärungen oder Entschuldigungen braucht.

 

Wenn ich einen Kriminalroman lese, ist es vollkommen in Ordnung, nicht am Ende zu wissen, dass alle gar nicht anders konnten und ganz arme Menschen sind, die nur Therapie brauchen, damit alles wieder gut wird. Ich mag dieses bräsige Zurücklehnen nicht, das entsteht, wenn alles seine politisch korrekte Erklärung findet, denn es gibt mir immer das unterschwellige Gefühl, dass es eben doch nicht in Ordnung ist, wenn Frauen sich nehmen, was sie wollen. Auch Frauen können Schweine (Gattungsbegriff) sein, und wo kann das gezeigt werden, wenn nicht im Kriminalroman?

 

Aber genau deshalb wird Furchtbar lieb furchtbar erfolgreich sein, denn es bietet ein Ende ohne Schrecken. Dennoch hätte dieser Krimi im Vergleich zu vielen anderen gut verkauften „Frauen-Krimis“ eine breite Leser/innenschaft verdient. Nicht zuletzt, weil er gut übersetzt und liebevoll gestaltet ist.

 

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