Dmitry Glukhovsky: Metro 2034
06.02.2010
There be Monsters
Mit Dmitry Glukhovskys Metro-Romanen wird die russische Liebe zur Dystopie um eine knisternde Dimension erweitert. Liest sich wie frisch gezapftes Bier, findet BRIGITTE HELBLING.
„Stellen Sie sich vor“, wirbt ein Verlags-Trailer für Dmitry Glukhovskys Metro-Romane, „Sie betreten wie jeden Tag die U-Bahn und sehen erst 25 Jahre später das Tageslicht wieder.“
Dem Teaser-Spruch fehlt nur ein kleiner Zusatz. Kein Mensch, der es in Metro 2033 oder Metro 2034 damals in das unterirdische Tunnelsystem geschafft hat, will später wieder ans Tageslicht. Ein finaler Vernichtungskrieg hat die Welt für Menschen unbewohnbar gemacht. Unter freiem Himmel regieren jetzt andere. "There be monsters", wie es einst in alten Atlanten hieß.
Die paar tausend Moskauer, die sich vor dem Untergang in die Metro retten konnten, bauen seither Rumpfstädte in den Stationen, führen Handel durch die Tunnels, bekriegen sich, sterben und reproduzieren. Alles wie gehabt, könnte man sagen – bloß unter postapokalyptischen Umständen.
Für die Jüngeren sind das die einzigen Umstände, die sie kennen. So auch für Teenager Artjom, der in Metro 2033 von einem Stalker namens Hunter einen Auftrag erhielt, der ihn einmal quer durch die Metro führte. Leser des Buches wissen, dass die Erfüllung des Auftrags direkt ins nächste Unheil führt. In dem ersten Metro-Roman steht die Rettung der Menschheit einen kurzen Moment lang unmittelbar bevor. Verhindert wird sie durch die Beschränktheit der Spezies – unserer Spezies, die zu blöd ist, sich helfen zu lassen.
„Ich mag keine Happy Ends“, ließ Autor Glukhovsky dazu in einem Videoblog der Leipziger Buchmesse verlauten. „Wenn Geschichten schlecht ausgehen, denkt der Leser länger über sie nach.“
Trau der Kunst, nicht den Künstlern
In Metro 2034 ist es Hunter selbst, der in den Vordergrund rückt – schweigsam, brutal, schwer traumatisiert. Als Begleiter hat er ein munteres Alterchen bei sich, den alle Homer nennen und der sich als Chronist der neuen Welt sieht. Auch diese beiden brechen auf, um die Metro zu durchqueren, und bald schon schließt sich ihnen das Mädchen Sascha an. Die ideale Besetzung für sein noch zu schreibendes Großwerk, findet Homer. Saschas Liebe wird den beschädigten Stalker heilen ... Zu dumm, dass sich ein Flöte spielender Taugenichts den Plänen in den Weg stellt. Der Schönling Leonid verfügt zudem über das einzige Lockmittel, das in postzivilisatorischen Zeiten einem Mädchen wie Sascha die Sinne verwirren könnte: den Schlüssel zum Tor der Metro-Utopie, der geheimnisvollen „Smaragdenen Stadt“.
Entsprach Artjoms Gang durch das Metro-System noch Bilbo Baggins Reisen in Der kleine Hobbit – ein naiver Niemand erkundet die große Welt und erkennt dabei, wer er ist – ist das Unterfangen in Metro 2034 vielschichtiger; und nicht nur, weil hier das weibliche Element ins Spiel kommt. Metro 2033 hielt die Kraft von Büchern und Denkern hoch und ließ Artjoms Fahrt in der alten Nationalbibliothek münden (wo schrecklich mutierte „Bibliothekare“ Besuchern weiterhin das Leben zur Hölle machen). In Metro 2034 dagegen steht ein veritabler Schriftsteller im Mittelpunkt. Und der gibt während eines Großteils der Geschichte keine allzu erhabene Figur ab.
Metro 2033 feierte die Kunst, Metro 2034 betrachtet die Künstler. Dabei meint es der treuherzige Homer noch gut, was man vom Flötenspieler Leonid nicht behaupten kann. Der Jüngling ist link, und Sascha weiß genug, ihm nicht zu trauen, selbst wenn sie am Ende der Verheißung von heiler Welt nicht widerstehen kann. Dass die sich gerade auch in Leonids Flötenspiel manifestiert, gehört dann zu den Paradoxien des schöpferischen Gewerbes. Nicht wegen, sondern trotz der Figur des Künstlers ist Kunst in der Lage, Wunder zu bewirken. Das Wunder stellt sich zum Buchende auch ein. Das entspricht dann nicht einem veritablen Happy End, aber verglichen mit dem Vorgängerband doch einer Art Etappensieg.
Dystopie ohne Zynismus
Dmitry Glukhovsky ist Anfang 30 und arbeitete nach dem Studium in Jerusalem als Fernsehkorrespondent für Russia Today, gelebt hat er unter anderem in Deutschland und Frankreich. Den ersten Metro-Roman veröffentlichte er nach diversen Absagen von Verlagen zunächst im Internet; Science Fiction Fans, denen die Kapitelabdrucke gefielen, übernahmen in der Folge gewissermaßen die Vermarktung. Das war 2002. Bis der Roman 2005 in der Printfassung erschien, hatten bereits Tausende von Lesern ihn begutachtet und kommentiert, ein interaktiver Prozess, den Glukhovsky ausdrücklich förderte.
Dabei geht es ihm, wie jedem ernstzunehmenden dystopischen Schreiber, um mehr als nur die Geschichte. Das Bild einer Zukunft, in der alles schief gelaufen ist, ist Anlass, Konzepte und Ideen zur Gegenwart und zum Menschsein an sich aufzugreifen und neu zu prüfen. Spannung paart sich mit Gesellschaftskritik (und Metaphysik). Bei Glukhovsky geschieht das mit einer Ernsthaftigkeit und Leidenschaft, die ihn von arrivierten Dystopie-Literaten wie Sorokin oder Pelewin unterscheidet. Die Welt mag im Eimer sein, und doch, und doch: Für Zynismus hat dieser junge Russe keine Zeit!
Im Übrigen zeigt sich das schon in der Wahl des Genres. Die Metro-Romane spielen im Sci-Fi-Milieu, kommen aber als die Art von Fantasy daher, die von Aufbruch, Hoffnung und Unterwegssein in höherem Auftrag handelt – alles wirksame Gegenmittel gegen situative Beklemmungen und Ohnmachtsgefühle. Und bei aller Enge und Trostlosigkeit britzelt die Luft in Glukhovskys U-Bahn-Welten vor aufgeregter Erwartung. Die bessere Welt ist zum Greifen nah. Zuversicht lässt sich nicht unterkriegen – ein weiterer Grund, warum diese voluminösen Romane sich weglesen wie frisch gezapftes Bier an einem heißen Sommertag.
PS: Das Game
Bislang existieren knapp 1400 deutsche Druckseiten mit Metro-Abenteuern, ab Mitte März wird ein Ego-Shooter-Game dazukommen, das den Spielern erlaubt, sich digital in den Tunnelkämpfer Artjom zu verwandeln. Visuell liegt die Umsetzung dicht bei den kunstvollen, Bilal-artigen Gemälden, die bereits den russische Trailer zum Buch bestückten. Unterlegt sind die Metro-Impressionen in Game und Trailer mit Elektro-Rap von Dolphin (der Dichter und Musiker Andrey Lysikov). Auf Youtube spaltet sein Track gegenwärtig die Besucher. Passt er zur Geschichte, passt er nicht? (Wir finden, dass er die knisternde Tunnelspannung perfekt einfängt.)
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