Robert B. Parker ist tot
06.02.2010
Sensibler Rowdy
Robert B. Parker, 1932–2010 – Ein Nachruf von www.kaliber38.de-Macher JAN CHRISTIAN SCHMIDT
Robert B. Parker, amerikanischer Autor mit dem gigantischen Output von rund fünf Dutzend Kriminalromanen, mehreren mainstream novels und einigen Sachbüchern, wurde hauptsächlich bekannt durch seine Roman-Serie um den Privatdetektiv Spenser, der bis heute in knapp 40 Büchern auf den Straßen Bostons ermittelt. Parker, wie die meisten Kriminalschriftsteller seiner Generation, bewegte sich in der Tradition der Klassiker wie Chandler und Hammett, gleichzeitig gelang es ihm, der Figur des Privatdetektivs eine Runderneuerung zu verordnen und diese fit zu machen für die Literatur der Siebziger und der folgenden Jahre.
Als Robert B. Parker vor ein paar Jahren – zu der Zeit war der amerikanische Autor schon deutlich über siebzig Jahre alt – von einem Journalisten auf seine Pläne für die Zukunft angesprochen wurde, antwortete er: „Ich werde mich nicht zur Ruhe setzen. Ich werde weiterschreiben, bis ich nicht mehr kann oder mich keiner mehr lesen wird.“ (1). Parker, der sich Zeit seines Lebens mit Boxen, Gewichtheben und fast täglichen Gängen ins Sportstudio fit hielt, starb unerwartet am 18. Januar 2010. Während der Arbeit an seinem neuen Roman, so teilte sein Verlag mit, erlag Robert B. Parker an seinem Schreibtisch einem Herzinfarkt.
Geboren am 17. September 1932 in Springfield, Massachusetts, wuchs Robert Brown Parker in einer Arbeitergegend in Boston auf. In seiner Jugend durchläuft er die üblichen Macho-Initiationsriten und erwirbt sich einen Ruf als gefürchteter Rowdy, der kaum einer Pöbelei aus dem Weg geht. Nach seinem Bachelor am Colby College in Waterville, Maine, geht Parker zur US-Army und ist zwei Jahre in Korea stationiert. 1957 erwirbt Parker den Magister in Englischer Literatur an der University of Boston. Parker heiratet früh (er ist seit 1956 mit seiner Frau Joan verheiratet) und wird in jungen Jahren Vater. Um seine Familie zu ernähren, arbeitet er zwischen 1957 und 1962 in der Industrie, meist als Technischer Autor oder als Verfasser von Werbebroschüren.
Promotion
1962 kehrt Parker an die Universität zurück: Er unterrichtet Englische Literatur und beginnt einen Promotionsstudiengang. Der Uni-Job ist weniger akademischen Ambitionen geschuldet. Vielmehr sichert der Dozenten-Job seiner Familie ein Auskommen, während Parker selbst bei relativ geringer Arbeitszeit ausreichend Zeit findet für das, was er tatsächlich will: Romane schreiben. (2). 1971 schließt Parker seine Promotionsarbeit ab. Die Analyse erhält den Titel The Violent Hero, Wilderness Heritage and Urban Reality: A Study of the Private Eye in the Novels of Dashiell Hammett, Raymond Chandler, and Ross Macdonald..
Dass sich Parker, ausgewiesener Kenner der klassischen amerikanischen Kriminalliteratur, selbst an einem Kriminalroman versuchen wird, liegt nahe: 1971, dem Jahr seiner Dissertation, beginnt er mit der Arbeit an seinem ersten Roman The Godwulf Manuscript, der 1973 im Bostoner Verlagshaus Houghton Mifflin erscheint (zunächst als Buchclubausgabe, Anfang 1974 dann als frei verkäufliche Ausgabe). Parker hat Glück – der lange, qualvolle Weg, den die meisten Debütanten zu gehen haben, bleibt ihm erspart. Gleich sein erstes Manuskript wird veröffentlicht – vom ersten Verlag, dem er es angeboten hat.
The Godwulf Manuscript (dt. Die Schnauze voll Gerechtigkeit, später unter dem Titel Spenser und das gestohlene Manuskript) ist Parkers erster Roman um den Bostoner Privatdetektiv Spenser, den Mann ohne Vornamen – und Auftakt zu einer der langlebigsten Serien der amerikanischen Kriminalliteratur. Bis heute sind knapp 40 Spenser-Bücher erschienen, weitere werden vermutlich noch folgen. Der langwährende Erfolg der Reihe ist der Tatsache geschuldet, dass Parker mit seiner Privatdetektivfigur eben nicht bloß die Tradition fortführte, sondern den Charakter für moderne Zeiten modifizierte.
Privatdetektiv in modernen Zeiten
Spenser, darin ist er seinem Erschaffer Robert B. Parker durchaus ähnlich, ist von großer, bulliger Statur. Der Ex-Cop schert sich in seinem Job nicht allzu viel darum, was andere von ihm wollen, und noch weniger, was andere von ihm denken. Der Job als Privatdetektiv erlaubt ihm ein eigenständiges, ein unabhängiges Leben. Wie Philip Marlowe hat auch Spenser ein großes Herz und einen grimmigen Gerechtigkeitssinn, allerdings fehlt ihm der Zynismus, der die Privatdetektive des noir auszeichnete. Anders auch als in der Tradition baut Parker seinen Privatdetektiv nicht als Einzelgänger auf: Spenser unterhält eine Jahrzehnte währende, zwar nicht konfliktfreie, aber stabile, eheähnliche Beziehung zu Susan Silverman. Er ist kein einsamer Ritter, sondern sozial eingebunden.
„Ich bin ein glücklicherer Mann als Chandler es war, und der Mittelpunkt meines Seins sind Joan und meine Söhne. Sie sind nicht bloß Kontext. Sie sind Leben. Ich denke, es war unvermeidlich, dass sich Spenser zu einem Mann mit einem vergleichbaren Mittelpunkt entwickelte.“ (3).
Im Gegensatz zur eher groben Physiognomie ist Spenser ein feinsinniger Mann: Er ist gebildet und belesen, er hat Humor und steckt voller Selbstironie. Mit Wörtern und Zitaten aus der Literaturgeschichte ist er nicht minder geschickt als mit seinen Fäusten. Er kocht leidenschaftlich und weiß die Qualität eines gut gekühlten Weißweins zu schätzen.
Susan & Hawk
Was die Reihe tatsächlich über die Jahrzehnte so tragbar macht, ist das Figurenensemble, das Robert B. Parker um seine Hauptfigur anordnet: Die jüdische Psychologin Susan Silverman, trotz zeitweiliger Fernbeziehung und Trennung seit dem zweiten Roman an Spensers Seite, hat eine starke und komplexe Persönlichkeit. Sie ist Spensers intellektuelle Partnerin und hilft ihm mit ihrem messerscharfen Verstand, seine nicht immer klaren Gedanken zu sortieren. Die quietschlebendigen Dialoge der beiden haben auch nach fast vier Jahrzehnten nichts von ihrer kurzweiligen Explosivität verloren.
Susan Silverman gegenüber steht Spensers „Mann fürs Grobe“, der Afroamerikaner Hawk. In Promised Land – dem dritten Spenser-Roman von 1976 – steht Hawk noch auf der Seite der Bösen und trachtet Spenser nach dem Leben, stellt sich am Ende des Buches aber gemeinsam mit dem Privatdetektiv gegen seine Auftraggeber. Fortan steht Hawk als Schutzengel und Aufräumer an Spensers Seite. Hawk ist der Pragmatiker, der Gewalt ohne Skrupel einsetzt, wenn diese nötig erscheint. Spenser indes ist der Romantiker, der sich zwar auch der Gewalt als Mittel bedient, wenn sie ihm unabdingbar erscheint – aber selbst dann nagt an ihm noch der Zweifel.
Parker hat mit der Hawk-Spenser Konstellation eine ganze Reihe jüngerer Autoren beeinflusst: Ähnliche hero-sidekick-Beziehungen finden sich in Robert Crais’ Elvis Cole-Romanen (Joe Pike), in Harlan Cobens Myron Bolitar-Serie (Windsor Horne Lockwood III), oder auch – näherliegend, da ebenfalls in Boston beheimatet – in Dennis Lehanes Romanen um die Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro, die sich der Dienste des Rohlings Bubba bedienen.
Der schwarze Hawk und die jüdisch-intellektuelle Susan Silverman bilden den perfekten Rahmen, in dem sich Spenser jahrzehntelang bewegen kann. Sie verkörpern die beiden Facetten, die Spenser in sich vereint: Das Domestizierte, Kulturell-Rationale, und das Ungezähmte, Gewalttätig-Irrationale. Aber auch inhaltlich funktionieren die Spenser-Romane anders als die meisten traditionellen Werke: Bei Parker überführt der Detektiv keinen Täter, sondern sucht nach Lösungen, die den Detektiv selbst oftmals mit Zweifeln zurücklassen. Am Ende ist keineswegs die Ordnung wieder hergestellt, nicht die „Sanierung des Ganzen“ ist gelungen, sondern allenfalls ein paar Reparaturarbeiten an „winzigen Details“, wie Jochen Schmidt die Spenser-Romane resümiert. (4).
Robert B. Parker – der 1976 eine ordentliche Professur an der Bostoner University erhielt, diese aber schon 1979 wieder aufgab und fortan ausschließlich Romane schrieb – blieb Spenser jahrelang treu. Mit wenigen Ausnahme nur – den Stand-Alones Wilderness (1979) und All our Yesterdays (1994) sowie den beiden Philip Marlowe-Romanen Poodle Springs (1989), die Vollendung eines zwanzigseitigen Romanfragments, das Raymond Chandler bei seinem Tode hinterlassen hatte, und Perchance to Dream (1991) – widmete sich Robert B. Parker zwischen 1971 und den späten 90er-Jahren ausschließlich seiner Figur Spenser. Das zeigt, dass ihm sein Charakter tatsächlich zum idealen literarischen Vehikel geraten war, um sich auszudrücken.
Gleichzeitig entwickelt sich eine Routine, die sich auf den Schreibprozess auswirkt. Parker arbeitet ohne Entwurf, setzt sich allenfalls ein schlichtes Thema, das sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Das Schreiben selbst ist wie eine Reise zu einem unbekannten Ort. Parker schreibt vormittags etwa fünf druckreife Seiten an seinem aktuellen Roman, die ihn dann zu den nächsten fünf Seiten am folgenden Tag bringen. Durchsicht und Korrektur erfolgen unmittelbar. Eine zweite Durchsicht am Ende des Romans erledigt sein Frau Joan. Was der Leser später in der Hand hält, ist im Wesentlichen Parkers erster Entwurf. Die Nachmittage sind seinen anderen Projekten vorbehalten, meist Drehbüchern und Film-Treatments. (5).
Parker produziert so schnell, dass er bis zu sechs Romane bei seinem Verlag in der pipeline hat, die auf ihre Veröffentlichung warteten. Dennoch ist er mitnichten der Workoholic, als der er nach seinem Tode dargestellt wurde: Er arbeitete grundsätzlich nie am Abend oder an den Wochenenden, sondern achtete darauf, dass er sich ausreichend Zeit für seine Frau und die beiden Söhne verschaffte.
Jesse Stone & Sonya Joan Randall
Mit Night Passage begann Parker 1997 eine neue Krimi-Reihe. Held Jesse Stone ist ein müder Cop aus Los Angeles, der Probleme mit seiner ehemaligen Frau und dem Alkohol hat. Jesse zieht nach Massachusetts und nimmt in einer Kleinstadt, die ironischerweise Paradise heißt, den Posten als Polizeichef an. Spenser entwickelt sich nicht wesentlich, da ihn sein Erschaffer als „fertigen“ Charakter angelegt hat. Die Figur Jesse Stone indes ist so angelegt, dass sie sich im Fortgang der Serie verändert.
„Ich begann, die Jesse-Stone-Romane zu schreiben“, so Parker ganz pragmatisch, „weil ich zu der Zeit meiner Karriere merkte, dass ich drei oder vier Monate brauchte, um einen Spenser-Roman zu schreiben, und so hatte ich viel Zeit zur Verfügung. Ich entschied mich für eine Geschichte in der Dritten Person, was ich schon längere Zeit nicht mehr gemacht hatte, die eine Hauptfigur haben sollte, die ein bißchen jünger als Spenser sein und ihm nicht so ähneln sollte.“ (6).
Eine weitere Serienfigur entsteht zwei Jahre nach Jesse Stones Debüt: Sonya Joan Randall, kurz „Sunny“ genannt. Die studierte Sozialarbeiterin, Ex-Polizistin und Hobbymalerin lebt in Boston und verdient sich ihren Lebensunterhalt als Privatdetektivin. „Soweit es Sunny Randall betrifft, war mein Motiv schlicht und einfach Gier“, so Parker selbstironisch. Tatsächlich ist die Figur Sunny Randall eine Auftragsarbeit. Die Schauspielerin Helen Hunt suchte nach einem weiblichen, spenser-ähnlichen Charakter, den Robert B. Parker gemeinsam mit seiner Frau Joan entwarf. Die Produktion für Helen Hunt wurde tatsächlich nie beendet, aber Parkers Verlag fand Gefallen an der Figur und bat um weitere Romane.
Parker, der selbst mit einer kleinen, unabhängigen Produktionsfirma im Film- und Fernsehgeschäft aktiv war, hat ein gespaltenes Verhältnis zum Business: „Wenn du eine Sache ans Filmbusiness verkauft hast, erwarte nicht, es auch auf der Leinwand zu sehen.“ (7) Er selbst hat auf Bestellung einige Drehbücher geschrieben, die nicht umgesetzt wurden. Der Frust hielt sich augenscheinlich in Grenzen: „Wir hier in Boston verschwenden nichts – dann machst du daraus eben einen Roman!“ (8). Tatsächlich wurden viele seiner Bücher zumindest für das Fernsehen adaptiert: Spenser hatte mit Spenser: For Hire eine eigene wöchentliche Fernsehserie, die in den USA zwischen 1985 und 1988 lief. Und auch der Figur Hawk war eine wöchentliche Fernsehserie gewidmet (A Man Called Hawk), die 1988 und 1989 ausgestrahlt wurde.
Während die genannten Fernsehserien nur auf den Parker-Figuren basierten, wurden vier Spenser-Romane komplett adaptiert. In der Adaption Thin Air kann man fast die komplette Parker-Familie bewundern: „Joan spielt eine Ärztin in dem Film, mein Sohn Dan, von Beruf Schauspieler, spielt einen Priester, und mich kann man ein paar Augenblicke lang als ein schlafender Polizist auf einer Polizeiwache sehen. Laut Skript sollte ein „fetter, schlafender Polizist“ zu sehen sein – ich habe daraus ein „hübscher, schlafender Polizist“ gemacht“. (9)
Robert B. Parker hat mit seinen Spenser-Romanen eine der ganz großen Serien der amerikanischen Literaturgeschichte hinterlassen und sich den Ruf als „Dekan der US-Kriminalliteratur“ erarbeitet. Es ist ihm vortrefflich gelungen, die vielleicht schon etwas angestaubte Figur des Privatdetektivs aus den 30er- bis 50er-Jahren für die feministischen und Post-68er-Jahre zu modernisieren. Seine mit feinem Humor und scharfem Verstand geschriebenen Bücher sind nicht bloß realitätsleere Krimi-Storys zwischen Gut und Böse, sondern befassen sich immer mit strittigen, kontrovers diskutierten Themen – Parkers Krimis sind immer auch Zeitkommentar. Sein Einfluss auf die jüngere Generation der Krimischriftsteller ist nicht zu unterschätzen: „Wenn es um Detektiv-Romane geht“, so Schriftsteller-Kollege Harlan Coben, „gestehen 90% von uns seinen [Parkers] Einfluss ein – und der Rest lügt.“ (10).
Der Roman Promised Land wurde 1976 mit dem Edgar Allan Poe Award als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet, Robert B. Parker 2002 von der Schriftstellervereinigung Mystery Writers of America zum Grandmaster ernannt.
Anmerkungen
(1) Jay Macdonald: Sure, Spenser’s for hire, but not Robert B. Parker, geposted am 12.04.2004.
(2) Vgl. z. B. Jami Edwards, Nachruf auf Robert B. Parker und zwei Interviews aus dem Jahr 2000, hier zu finden.
(3) Dean James and Elizabeth Foxwell, Interview with Robert B. Parker.
(4) Jochen Schmidt: Gangster Opfer Detektive. Eine Typengeschichte des Kriminalromans. Überarbeitete Neuausgabe. Hillesheim: KBV 2009.
(5) Vgl. Dean James and Elizabeth Foxwell, a.a.O., und Perishing Twice with Robert B. Parker, Verfasser nicht genannt.
(6) Jami Edwards, a.a.O.
(7) Written Voices, Allan Hunkin (Host): One Hundred Dollar Baby with Robert B. Parker. Ein Podcast-Interview
(8) Ebd.
(9) Jami Edwards, a.a.O.
(10) Eric Konigsberg: Paperback Writer. Interview mit Harlan Coben. In Atlantic Monthly, July/August, 2007, das Zitat ist auf Seite drei zu finden.
Weitere Quellen:
Petri Liukkonen: Robert B(rown) Parker. Hier und hier zu finden.
Charles L.P. Silet: Five Pages a Day.
Sarah Weinman: Robert B. Parker left a mark on the detective novel. LA Times, 20.01.2010, online hier zu finden.
J. Kingston Pierce: On the Passing of Parker.
Heiko Postma: Spenser von Robert B. Parker. In: Galerie der Detektive. Porträts von Sherlock Holmes bis Nero Wolfe. Hg. von Heiko Postma und Rainer Wagner.
Axel Bussmer: Spenser und die blonde Witwe. Über Robert B. Parkers 29. Spenser-Roman.
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