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Donnerstag, 02. September 2010 | 20:36

Pavel Kohout im Gespräch

06.02.2010

"Meine Geschichten enden tragisch, aber das ist nicht meine Schuld."

Ein Gespräch mit Pavel Kohout über seinen neuen Roman Die Schlinge und über das Glück, mit einem guten Wissen zu leben. Von CHRISTINA BACHER

 

Christina Bacher: In Genre-Schubladen gedacht, ist die Sternstunde der Mörder (1997) ihr erster Kriminalroman. Sie stellen darin dem politischen Wahnsinn der Tage um den 9. Mai 1945, als einem Aufstand unzählige Menschen zum Opfer fallen, die individuelle Perversion eines Serienmörders gegenüber. Sind Sie eigentlich Krimifan?

 

Pavel Kohout: Jedes meiner Bücher ist politisch und ich möchte, dass sie die Menschen erreichen. Also borge ich mir gerne ein Genre. Ich bin eigentlich kein Krimileser, ich mag einige Autoren, weil sie mich als Erzähler interessieren, wie Simenon wegen seiner wunderbaren psychologischen Romane. Krimi als Genre interessiert mich als Leser nicht, als Autor leihe ich mir aber gerne das Genre aus. Ich bin der Meinung, dass jedes Genre hilft, eine Story zu transportieren, nur deswegen verpacke ich beispielsweise eine Geschichte über die Sudetendeutschen und Tschechen als Thriller.

 

Sie beherrschen die Geschichte der Tschechoslowakei nicht nur theoretisch, als einer der Wortführer des Prager Frühlings 1968 haben Sie sie seit den 50er-Jahren selbst mitgestaltet. Wie nah halten Sie sich – auch bei ihren Figuren – an die erlebte Wirklichkeit?

 

Für mich ist es ein Vorteil, dass ich über etwas schreibe, was ich selbst erlebt und gesehen habe. Es ist also der Stoff meines Lebens. Nur deswegen kann eine Fiktion – und das sind ja alles Fiktionen – sehr treu erzählt werden. Derjenige, der sich in der Geschichte der Tschechoslowakei und Mitteleuropas auskennt, muss zugeben, dass alles stimmt. Es gab beispielsweise tatsächlich einen berühmten sozialdemokratischen Abgeordneten, der nach Österreich fliehen musste, er wurde geschnappt und bekam 15 Jahre aufgebrummt und starb im Gefängnis. Für meinen neuen Roman Die Schlinge habe ich mich dieser Geschichte bedient, dennoch hat die Figur des Felix Fischer letztendlich wenig mit dem realen Politiker gemeinsam.

 

Ist der Roman Die Schlinge ein sehr persönliches Buch?

 

Der soziologische und politische Hintergrund sind erlebt, obwohl der Roman zu einer Zeit spielt, in der ich selbst noch keine 20 Jahre alt war. Ich schrieb damals bereits Gedichte, diese habe ich meiner Hauptfigur nun geliehen. Wenn sie auch eine falsche Ideologie besingen, sind sie aber gut geschrieben. Diese Gedichte gibt es jedoch nur in der Originalversion auf Tschechisch – ins Deutsche ist das heute nicht übersetzbar. Ich habe das Gefühl, dass die Hauptfigur nur bis zu einem gewissen Punkt mit mir identisch ist. Viele haben die Weltwirtschaftskrise und das Münchner Abkommen damals als das totale Versagen von Kapitalismus verstanden. Das ist der Grund, warum viele der kommunistischen Partei beigetreten sind. Nach einigen Jahren ist vielen klar geworden, dass das ein Weg vom Teufel zum Beelzebub war. Und da teilten sich die Wege der Generation und auch mein Weg unterscheidet sich ab hier von dem meiner Hauptfigur: Es gab viele, die sich das Leben genommen haben in dieser Zeit. Andere wurden Zyniker. Die meisten aber empfanden das als Katastrophe und wollten alles wieder gut machen. Mein Held teilt diese Momente und Überlegungen meines Lebenswegs, später aber bin ich es schon nicht mehr.

 

Die Protagonistin Kamila ist eine Frau zwischen zwei Männern – sie ist eine starke, sympathische Figur, die einen großen Raum in dem Buch einnimmt. Sie denken sich nicht zum ersten Mal in eine Frau hinein, in Ihrem Roman Ich schneie haben sie sogar aus der Perspektive einer Frau erzählt. Ungewöhnlich.

 

Aus der Sicht einer Frau zu schreiben ist für mich nichts anderes als eine Männerperspektive einzunehmen. Da ich davon ausgehe, dass Frauen auch erst mal Menschen sind (lacht) geht es also um menschliche Bedürfnisse und Themen. Als Autor von Theaterstücken ist es für mich außerdem normal, in verschiedene Perspektiven zu springen, auch die Zeiten zu wechseln, sich von einer Person in die andere hineinzudenken. In Die Schlinge geht es in erster Linie um eine Tragödie, um die Beziehung dieser drei Menschen: Die erste Zusammenkunft von Kamila und Jan passiert im Krieg, zu einem Zeitpunkt, an dem keiner an die Rückkehr Fischers glaubt. Die beiden wollen ein neues Leben beginnen und plötzlich ist der Ehemann wieder da.

 

Sie selbst haben solche Schikanen durch die Staatssicherheit, wie sie auch in diesem aktuellen Buch beschrieben werden, am eigenen Leib erlebt. Hatten Sie damals Angst?

 

Ich wurde in meinem Leben ungefähr 25 Mal von der Staatssicherheit abtransportiert und wusste nicht wohin. In solchen Fällen hat man – aber bitte, das ist individuell – keine Angst, man befindet sich trotz all dieser Schikanen in einer Gesellschaft von Gleichgesinnten. Es war für mich eine schöne Zeit, denn ich habe festgestellt, dass es gut tut, mit einem guten Gewissen zu leben – im Gegensatz zu Jemandem, dem alles erlaubt ist und der sich vielleicht für etwas schämen müsste. So ist das auch übertragbar auf die heutige Zeit: Es gibt gewisse Sachen, die in jeder Gesellschaft gleich sind. Auch in einer demokratischen Gesellschaft muss man sich entscheiden, in der Familie, in der Schule, im Berufsleben. Man hat immer zwei Möglichkeiten: Für sich selbst einzustehen oder sich einer höheren Macht unterzuordnen. Das ist eine durch und durch menschliche Situation.

 

Woran arbeiten Sie zur Zeit?

 

Ich schreibe ja für die – mal vom Boulevard abgesehen – meistgelesene Tageszeitung Tschechiens Mladá fronta Dnes eine wöchentliche Kolumne. Nach und nach habe ich sie dazu überzeugen können, dass eine Zeitung einen Fortsetzungsroman braucht. Die Geschichte heißt „Der Fremde und die schöne Frau“ und es geht um eine Tschechin, die immer in der selben Straße gelebt hat, während alle anderen um sie herum wegziehen. Sie bekommt eines Tages einen kurdischen Untermieter, er ist 70 Jahre alt und sie ist 65. Es geht also um die Beziehung dieser beiden Menschen und ihrer Kulturen. Es ist wieder eine Tragikkomödie und wie alle meine Bücher – bis auf zwei Ausnahmen – endet auch diese Geschichten tragisch. Das ist aber nicht meine Schuld, da ich anfangs selbst nie weiß, wie es ausgeht.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Pavel Kohout, 1928 in Prag geboren, ist als Schriftsteller und Dramatiker international bekannt geworden. Als einer der Wortführer des Prager Frühlings von 1968 wurde er aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und über 20 Jahre totgeschwiegen. Mitverfasser der „Charta 77“, daraufhin 1979 ausgebürgert. Zu seinen bekanntesten Werken gehören: August August, August (1968); So eine Liebe (1969); Wo der Hund begraben liegt (1987) und Sternstunde der Mörder (1995). Im Oktober 2009 erschien der Roman Die Schlinge in deutscher Sprache. Pavel Kohout lebt heute in Wien und Prag.

 

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