Kennzeichen T - 25.05.2012 Thomas Kistner: Fifa-Mafia TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert
Freitag, 25. Mai 2012 | 20:42

Ed Brubaker/Sean Phillips: Sleeper 4. Das lange Erwachen

06.03.2010

Unmoralisch und grandios

Der vierte Band von Sleeper ist Abschluss von nicht weniger als einer der besten Comic-Serien aller Zeiten. Nun ist Sleeper auch auf Deutsch endlich komplett. NILS KURFÜRST gerät ins Schwärmen.

 

Noir-Comics erfreuen sich derzeit in den USA steigender Beliebtheit. Nicht zuletzt der Erfolg von 100 Bullets hat dazu geführt, dass düstere Unterweltgeschichten in Form von Graphic-Novels gefragter sind denn je. DC Comics hat darauf bereits reagiert und mit der Vertigo Crime-Reihe ein entsprechendes Format ins Leben gerufen. Neben Brian Azzarello haben dabei auch schon die bekannten Krimiautoren Ian Rankin und Jason Starr einen Beitrag geleistet. Bei Marvel heißt eine vergleichbare – und bereits mehrfach ausgezeichnete – Reihe Criminal (erscheint in Deutschland bei Panini) und entspringt der Zusammenarbeit eines festen Teams: Ed Brubaker und Sean Phillips. Die vier bisher erschienenen Criminal-Bände sind klassisch noir, bieten tough guys, fesselnde Krimiplots und Unterweltmilieustudien. Jedoch, ihr magnum opus haben Brubaker und Phillips bereits zwischen 2003 und 2005 abgeliefert: Sleeper.

 

Das andere Noir-Universum

Auch Sleeper ist noir, und ist doch auch viel mehr. Das liegt vor allem daran, dass Sleeper nicht in einem „creator-based-universe“ spielt, sondern Teil des Wildstorm Universums ist. Es handelt sich somit um einen Superheldencomic, der zum Teil schon bestehende Figuren verwendet. Der Protagonist Holden Carver (keine klassische Wildstorm-Figur) wird durch den Kontakt mit einem außerirdischen Artefakt zu Conductor, einer mächtigen Schmerzbatterie. Den ihm zugefügten Schaden kann er durch Berührung an andere weitergeben. Von John Lynch, dem Direktor des fiktiven Geheimdienstes I. O., wird Carver als Schläfer (!) in die Organisation des übermächtigen TAO (Tactical Augmented Orgamism) eingeschleust. Nachdem dies gelungen ist, kommt es jedoch zu einem folgenreichen Zwischenfall: Lynch wird angeschossen und fällt in ein Koma (erzählt wird diese Geschichte in Point Blank, dem prequel zu Sleeper).

 

Carvers Problem besteht darin, dass niemand außer Lynch von seinem Auftrag weiß, er ist gefangen in seiner Rolle als Bösewicht. Das ist die Prämisse für den ersten Sleeper-Band. Klingt nach einer Mischung aus Superhelden- und Spionagestory. Warum also noir? Ganz oberflächlich betrachtet kann man das erst mal wörtlich verstehen. Die Bilder von Sean Phillips sind zwar farbig, fast durchweg setzt sich jedoch das Dargestellte kontrastreich von schwarzen Hintergründen ab. Einzig die Origin-Storys, welche sich die Bösewichte während ihrer Missionen einander erzählen, weichen vom düsteren Grundton des Artworks ab. Es handelt sich bei diesen Origins um kurze Entwicklungsromane vom Menschen zum Villain mit Superkräften. In diesen Anekdoten liegt zudem aber auch der Schlüssel zum Verständnis von Sleeper: Es geht um eine moralische Suche.

 

Zwischen Gut und Böse

Einer der Gründe, warum Superheldencomics für erwachsene Leser wenig ansprechend sind, liegt wohl in der unnatürlichen und unerträglichen moralischen Klarheit. Genau in diesem Punkt unterscheidet sich das Genre von Noir-Geschichten. Gutes Noir entwirft eine eigene Moral, die sich nicht in Einklang bringen lässt mit bürgerlichen Vorstellungen von richtig und falsch.

 

Menschlichkeit wird nicht virtuell korrigiert, sondern Gegenstand der Überlegungen. Ed Brubaker schafft mit Sleeper einen gekonnten Brückenschlag zwischen diesen Polen, und das ohne Rückgriff auf das abgedroschene Schema: „with great power comes great responsibility.“ Da gibt es zum Beispiel die Geliebte von Carver, Miss Misery, die ihre Lebens- und Superkraft aus der Verrichtung böser Taten zieht und ohne dieses Tun zugrunde ginge. Mit welchen Kategorien lassen sich die Handlungen einer Figur bewerten, deren Existenz von Natur aus dem Wohl der Mitmenschen entgegengesetzt ist? ‚Bösartig‘ und ‚schlecht‘ scheinen in diesem Falle sehr unzureichende Begriffe zu sein.

 

Im Zentrum der Geschichte steht freilich die Situation von Carver selbst. Als Undercoveragent muss er sich notwendigerweise an den Verbrechen von TAOs Organisation beteiligen. Der Zweck heiligt dabei die Mittel. Wenn jedoch der einzige Mitwisser über Carvers wahre Identität, John Lynch, im Koma liegt, auf welcher Seite steht Carver dann? Verändert sich der Charakter seiner Taten durch das Wegfallen der Legitimation? Carver wird hier zum Sinnbild moralischer Orientierungslosigkeit. Verstärkt wird das Gefühl der Desorientierung durch den grafischen Aufbau des Comics. Jede Seite bildet ein einzelnes Panel, auf dem wiederum kleinere Panels scheinbar willkürlich angeordnet sind. Dass dieser Aufbau den Lesefluss nicht stört (Wo geht’s jetzt weiter?), ist eine beachtliche Leistung von Sean Phillips.

 

Unterhaltung auf hohem Niveau

Die Grundthemen in Sleeper weisen gelegentlich Parallelen zum Übercomic schlechthin, Watchmen, auf. Was diese beiden Werke außerdem verbindet, ist die brillante Kombination aus Komplexität und kurzweiliger Unterhaltung. Spannung ist von der ersten bis zur letzten Seite garantiert, aber auch beim wiederholten Lesen findet man weitere Details, die die Story bereichern. Und noch etwas hat Sleeper mit Watchmen gemein: Die Auflösung der Geschichte ist einfach nur genial.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

 

TITEL-Kulturmagazin bietet regelmäßig Neuigkeiten aus Literatur, Musik und Film. Unabhängig und kompetent - seit über 10 Jahren!

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Dichter und Diplomat

»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Raubbau an Körper und Seele

In Stiche erzählt David Small die Geschichte seiner Kindheit und Jugend im wissenschaftshörigen Amerika der ...

Kampf der Superlative

Wenn ausgerechnet Incal-Autor Alejandro Jodorowsky, der inzwischen auch »Heilung durch Kunst« betreibt, die Geschichte des mächtigsten Killers des Universums erzählt, ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Back for good

Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.

Licht wo zu viel Schatten lag

Jetzt mal ehrlich, das Buch Fifa-Mafia von Thomas Kistner ist keine einfache Kost. Zu ungebremst und schnörkellos werden einem hier schallernde Fakten um die Ohren gehauen. ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...