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Kalaallit Nunaat - Ein Island-Krimi, der in Grönland spielt
Grönland ist die eigentliche Hauptperson in Yrsa Sigurðardóttirs neuem Roman – und nur deshalb lesenswert. Oder gerade deshalb! TANJA SIEG denkt über die gnadenlose Beliebtheit von Island-Krimis nach.
Grönland - die größte Insel der Welt
In Ostgrönland verteilen sich circa 3.500 Menschen auf einer Fläche von Großbritannien, Frankreich, Italien und Deutschland zusammen genommen. Jedem Grönländer steht somit ein Lebensraum zur Verfügung, der drei Mal größer ist als Liechtenstein. Kaanneq ist ein kleines ostgrönländisches Dorf, das man nur bei gutem Wetter mit dem Hubschrauber erreichen kann, und es bedeutet auf Grönländisch Hunger. In dieser Sprache gibt es keine Schimpfwörter, und mit Schweigen drückt man sein Missfallen aus. Ein Tupilak ist ein Symbol für ein Wesen, das Unglück und Tod über einen Feind bringen kann, selbst wenn man nur daran denkt. Ein Angekkok ist eine Art Schamane, der große spirituelle Kräfte besitzt, mit denen er Kranke heilen und mit Verstorbenen reden kann. Und von den niedlich aussehenden Schlittenhunden sollte man sich besser fernhalten.
Diese und noch viele weitere Informationen über Grönlands Natur und Kultur erfährt der Leser in Sigurðardóttirs neuem Roman. Die Autorin kennt sich aus in kalten Gebieten, denn sie selbst hat als Ingenieurin unter eisigen Bedingungen u. a. auf der Großbaustelle des Kárahnjúkar-Staudammes in Ostisland gearbeitet. Somit ist es nicht überraschend, dass Grönland die eigentliche Hauptperson ist und das tatsächlich Spannende an dem isländischen (Kriminal-)Roman ausmacht. Und nur mit dieser inhaltlichen Gewichtung lässt sich der Island-Krimi, der in Grönland spielt, gut lesen. Denn der eigentliche Plot des Kriminalfalls ist schnell erzählt und bietet wenig Aufregendes.
Altbewährtes und Unspektakuläres
Sigurðardóttir wählt zum vierten Mal ihre erprobte Rechtsanwältin Dóra Guðmunsdóttir als Frontfrau zur Aufklärung mysteriöser Umstände. Aus den Vorgängerromanen weiß der Leser bereits, dass Dora von ihrem Ex-Mann Hannes glücklich geschieden, alleinerziehende Mutter zweier Kinder und neuerdings auch junge Großmutter ist. „Es gab wenig, was Dora mehr amüsierte als die aufgesetzte Fröhlichkeit des Wochenendpapas, wenn sie mit der Kinderschar vorfuhr.“
Der Leser erfährt auch, dass Dora als Anwältin für Familienrecht in Reykjavik arbeitet, ihr Alltag geregelt und eigentlich ziemlich unspektakulär ist. Meist muss sie sich mit den Irrwitzen des Alltags abgeben, zu denen vor allem ihre nervige Mitarbeiterin Bella, „die Sekretärin des Grauen“, gehört.
Matthias Reich, Doras solider Lebensgefährte aus Deutschland, ist auch wieder mit von der Partie und von ihm gibt es ebenfalls wenig Neues zu berichten. Matthias arbeitet als „Leiter der Sicherheitsabteilung bei der Kaupþing-Bank in Reykjavik“ und lernt gewissenhaft Isländisch.
Viel mehr Raum erhalten weder Dora selbst noch ihre engsten Angehörigen. Die Personen werden nicht weiter entwickelt und übernehmen eher Statistenrollen. Entsprechend ist Matthias nur Katalysator der Handlung.
Denn Matthias’ Bank bürgt für das isländische Bauunternehmen Arctic Mining, das inmitten der Eiswüste Ostgrönlands ein gewaltiges Bauvorhaben plant. Nun drohen die Baumaßnahmen zu stocken, da das gesamte Bau- und Forschungsteam sich weigert, dorthin zurückzukehren. Zwei bislang unaufgeklärte Morde überschatten das Bauvorhaben, und über dem Ort scheint ein Fluch zu liegen. Wenn der Vertrag nicht eingehalten wird, muss die Kaupþing-Bank zahlen. Matthias benötigt Dóra als sachkundigen, juristischen Beistand, da sich die örtliche Polizei für die Belange des ausländischen Unternehmens nicht zuständig fühlt.
So macht sich also ein kleines Team, das unter anderen aus Dóras Sekretärin Bella, einem IT-Spezialisten, einem Arzt und einer Geologin besteht, auf die beschwerliche Reise nach Ostgrönland, das man nur bei gutem Wetter von dem kleinen Ort Kaanneq aus mit dem Hubschrauber erreichen kann. „Es war eine glatte Übertreibung, das Dorf Kaanneq klein zu nennen – es war winzig. Auf den steilen Klippen rund um eine eisbedeckte Bucht standen bunte Holzhäuser, die aus der schneebedeckten Umgebung herausstachen.“
Unheimliche Begegnungen und schaurige Geschichten
Das Camp, in dem sich die Mitarbeiter des isländischen Bauunternehmens aufhielten und Dóra nun ihre Untersuchungen aufnehmen soll, liegt auf unbewohntem Gebiet an der Ostküste und ist wenig einladend. „Menschenleere Orte haben etwas Unheimliches, Beklemmendes, das schwer zu beschreiben ist. Auf mysteriöse Weise bleibt niemandem verborgen, dass diejenigen, die den Ort verlassen haben, nicht mehr zurückkehren wollen.“ Zudem müssen die Großstädter nicht nur mit den unbeständigen Wetterverhältnissen und den arktischen Temperaturen kämpfen. Ihnen schlägt auch der Hass der Dorfbewohner entgegen. Die Inuit wollen nicht, dass das Team dort arbeitet, denn sie stören „das Böse, das dort wohnt“ und bringen dadurch „alle in Gefahr“.
Alte Geschichten von ruhelos wandernden Seelen der Toten beginnen zu kursieren, wie die titelgebende Geschichte von der eisblauen Spur. Die Geister markieren die Leute, die sie holen wollen. Die Leute bluten aus und „folgen den Geistern ins Eis auf einer blauschimmernden Spur, wie eine Ader im Schnee“. „Je mehr Seelen die Toten zu sich holen, umso mächtiger werden sie.“
Noch unheimlicher wird Dóra und ihrem Team zumute, als Videoaufnahmen vom Camp auftauchen, auf denen merkwürdige Gestalten zu sehen sind. „Es sah aus wie ein Mensch mit einer Maske oder merkwürdigen Kopfbedeckung, und nachdem er verschwunden war, befand sich ein roter Streifen auf der Fensterscheibe.“ „War da jemand vor dem Fenster?“ „War das Blut?“
Mit ähnlichen Beschreibungen schafft Sigurðardóttir eine unheilbringende Atmosphäre, die sich durch den gesamten Roman zieht. Nur dank dieser Andeutungen hält sich das Interesse des Lesers, denn die Zusammenhänge, die mit dem Verschwinden beziehungsweise mit dem Mord der Mitarbeiter des Camps zusammenhängen, werden schnell klar. Themen wie Mobbing, Alkohol oder psychischer Stress sind da nur füllende Inhalte, die der Handlung zusätzliche Tiefe verleihen sollen.
Grenzen der alten und neuen Lebensweise
Dabei ist es viel interessanter, sich auf die Probleme der grönländischen Gesellschaft einzulassen. Sigurðardóttir nimmt dabei die Schwierigkeiten der Inuit, die eine Balance zwischen Tradition und moderner Lebensweise finden müssen, anhand eines klassischen Vater-Sohn Konflikts vertiefend auf. „Die Welt hat sich verändert […]. Was uns beigebracht worden ist, hat keine Gültigkeit mehr.“
Auf der einen Seite steht das traditionelle Leben des alten Jägers Igimaq, der im Einklang mit Natur und Kultur steht. Für ihn sind die alten Werte ausschlaggebend, die ihm seine Vorfahren vermittelt haben. „Das Zusammenleben in kleinen Gemeinschaften gestattete keinen Streit. Man verachtete diejenigen, die ihre Stimme erhoben. […] Der einzige Weg, sein Missfallen zum Ausdruck zu bringen, war zu schweigen, denn in Wut gesprochene Worte konnten zu Eskalation und Feindschaft führen und die Gemeinschaft gefährden.“ Und wenn man Unrecht tut und es nicht bereut, wird man „aus der Gemeinschaft verstoßen.“
Auf der anderen Seite steht Igimaqs Sohn Naruana stellvertretend für die junge Generation. Er hat die alte Lebensweise abgelegt, arbeitet gelegentlich am Hafen und erhält dafür Seehundfleisch oder Fisch. Nach Ansicht seines Vaters ist er einer der „Dummköpfe, die sich vom Alkohol verleiten ließen und dem Staat auf der Tasche lagen“. Im Suff schlägt Naruana dann seine um einige Jahre ältere Lebensgefährtin Oqqapia, die sich schon lange aufgegeben hat. „Sie trug eine verwaschene Gymnastikhose und einen alten Kunstfaserpulli, der so verfilzt war, dass das Muster verblasst war.“
Gleichzeitig zeigt Sigurðardóttir aber auch die Unbeholfenheit auf, mit der sich das westliche Team in der unbekannten Umgebung bewegt, sowie dessen vorgefertigte Meinung über die Inuit. „Sind Sie von hier? Dóra musste sich zusammenreißen, um nicht über diese dämliche Frage zu lachen. Die Männer trugen Lederkleidung, hatten dunkle Haut, schwarzes Haar und schrägstehende Augen – grönländischer konnte man gar nicht aussehen.“
Island-Krimi - Teil fünf
Sigurðardóttir verdeutlicht in ihrem Krimi, wie alte Traditionen auf neue Lebensformen treffen, in denen überlieferte Werte nichts mehr zählen. Und wie neue Lebensformen, die sich mit örtlichen Gegebenheiten nicht vereinbaren lassen, zum Verlust der eigenen Traditionskultur führen. Hier allein liegt die Stärke des Romans. Die eigentliche Aufdeckung des Verbrechens ist Nebensache. Somit sollte auf dem Cover eher Grönland- und nicht Island-Krimi stehen. But: Never change a running system! Fortsetzung folgt ...
Ganz gewiss! Denn im fünften Roman, der bereits in Island erschienen ist, erfährt der Leser dann mehr über das isländische Familienleben. Matthias und Dóra ziehen endlich zusammen. Aber auch Dóras Eltern ziehen ein, da sie im Zuge der isländischen Finanzkrise ihr Haus verloren haben.
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