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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:43

Nicolas de Crécy: Prosopopus

27.03.2010

Mélange à trois

Dass sich nach einem gewagten Attentat für den Killer etwas zusammenbraut, versteht sich von selbst. Verschmuste Riesen, die unter anderem von Zigaretten abstammen und gelegentlich Körperteile sammeln, entstehen aber dann doch eher selten. Nicolas de Crécy stellt uns ein Exemplar ohne Worte vor, BORIS BAUSCH braucht für Prosopopus schon eine Handvoll mehr.

 

Wolkenkratzer, Bodyguards, ein Kopfschuss und ein Schütze, der angeschossen flieht. Die graphic novel mit dem seltsamen Titel geht gleich in medias res, doch dann erwächst aus diesem Thriller-Szenario genauso schnell etwas deutlich Unkonventionelleres. Denn die Tat des Killers zieht buchstäblich Fäden, die ihn nachhaltig umstricken. Wie vom Schlangenbeschwörer geleitet, steigen organische Entäußerungen von Opfer und Täter in die Luft, bis sich Blut und Sperma (vom Koitus danach) mit dem Rauch einer Zigarette verbinden zu – was eigentlich?

 

Das Ding

Es entsteht ein großes, ballonartiges und gelbes Ding, das entfernt einem Bären gleicht, aber eben keiner realen Tierart zuzuordnen ist. Dafür passt das rundliche Wesen mit seinen zwei Zähnen, den knautschigen Lippen und den großen Augen nicht eben schlecht ins Kindchen-Schema. In die gegebene Welt und deren Darstellung passt es dagegen überhaupt nicht, sondern infiltriert als stilisierter Cartoon die düstere graphic novel.

 

Seinen Sinn für das Groteske bewies De Crécy auch schon in seinem früheren Werk Foligatto, das 1994 mit dem renommierten Max und Moritz-Preis ausgezeichnet wurde. Hier macht nun gerade der Kontrast mit dem ‚Normalen’ den großen Reiz aus, zumal die bisweilen amorphe Qualität der Kreatur die Grenze zu den Menschen verflüssigt, deren Kind und Dämon sie zugleich ist. Für sich genommen irritiert am Prosopopus sein Aussehen ebenso wie sein Verhalten, das zwischen rührender Gutmütigkeit, überbordender Distanzlosigkeit und rätselhafter Zielstrebigkeit changiert. Er richtet sich beim Killer häuslich ein, umsorgt ihn und fügt sich auf unheimliche Weise doch noch bestens in den Kreislauf der Gewalt ein.

 

Rahmenbildend widmen sich ein Lexikoneintrag und ein Essay von Lætitia Bianchi dem Titelwort, das dem Leser Deutungsansätze an die Hand gibt. Im Prinzip sind es dabei zwei Bedeutungslinien, die sich in der Figur und der Benennung dieses Prosopopus’ niederschlagen. Zum einen der alte Glaube an die Existenz von grotesken Lebewesen, die von den bekannten abweichen. Zum anderen die rhetorische Figur der Prosopopöie, also die Personifikation von etwas Abstraktem, Totem oder Unbelebtem als lebendig und sprechend.

 

Zwar spricht das Wesen hier nicht, doch treibt es durch seine Präsenz vergangene und verdrängte Schichten der Geschichte hervor, mit denen der Killer zunehmend konfrontiert wird. So bekommt auch das Attentat zu Beginn eine Vorgeschichte und zeigen sich am Prosopopus Anteile einer weiteren Toten.

 

Bilder sprechen lassen ... und schweigen

Der Leser muss sich auf die Bedeutung der Rückblicke oder die Aktionen des Prosopopus selbst einen Reim machen: Ist der Eindringling nun Freund oder Feind des Killers? Geht es ihm um Liebe, Blut oder doch vor allem um Joghurt? Was hat er mit einer Hand aus der Gerichtsmedizin im Sinn? Text kann bei dieser Suche nach Antworten weder helfen noch ablenken, da er komplett suspendiert ist. Vereinzelt fehlen die Sprechblasen bei den Dialogen, doch meist wird ohnehin nicht gesprochen, ganz als wüssten die Akteure um die Vergeblichkeit. Der namenlose Killer gerät, bis auf verzweifelte Schüsse in den Nachthimmel tonlos, in einen Sog unheimlicher Vorgänge, die auch einige Reminiszenzen an David Lynchs Filme aufweisen.

 

Anders als alte Stummfilme üben stumme Comics freiwillig Verzicht. Das Erzählen in Bildern wird so auf die Spitze getrieben, aber gerät in diesem Fall weder langweilig noch prätentiös. Blicke, Gesten, Körperhaltungen werden noch wichtiger, expressive Passagen wirken lauter als die nüchternen. Die Bildgestaltung ist fulminant, der Blick des Zeichners rückt wie entfesselt von allen Seiten an die Figuren heran und Details werden immer wieder für raffinierte Parallelisierungen oder Übergänge genutzt. Diese setzen kongenial um, was den Comic inhaltlich umtreibt: das Ineinander und Gegeneinander von Vergangenheit und Gegenwart, Fremdem und Eigenem, Äußerem und Innerem.

 

Während andere dabei Kontrolle und Leben verlieren, sitzt der unerhörte Prosopopus glubschend im Auge des Orkans. Am Ende hält er sich mit dem Sucher der geliebten Videokamera den Spiegel vor: Seine visuelle Gier führt ihn per Zoom unversehens ins tiefdunkle Auge seines Hundes. Fade to black.

 

De Crécy bekommt mit Prosopopus eine Mischung aus Wucht und Subtilität hin, die glänzend unterhält und nachhaltig beeindruckt. In Frankreich bereits 2003 erschienen, ist der Band jetzt auch hier zu entdecken.

 

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