Das Ding
Es entsteht ein großes, ballonartiges und gelbes Ding, das entfernt einem Bären gleicht, aber eben keiner realen Tierart zuzuordnen ist. Dafür passt das rundliche Wesen mit seinen zwei Zähnen, den knautschigen Lippen und den großen Augen nicht eben schlecht ins Kindchen-Schema. In die gegebene Welt und deren Darstellung passt es dagegen überhaupt nicht, sondern infiltriert als stilisierter Cartoon die düstere graphic novel.
Seinen Sinn für das Groteske bewies De Crécy auch schon in seinem früheren Werk Foligatto, das 1994 mit dem renommierten Max und Moritz-Preis ausgezeichnet wurde. Hier macht nun gerade der Kontrast mit dem ‚Normalen’ den großen Reiz aus, zumal die bisweilen amorphe Qualität der Kreatur die Grenze zu den Menschen verflüssigt, deren Kind und Dämon sie zugleich ist. Für sich genommen irritiert am Prosopopus sein Aussehen ebenso wie sein Verhalten, das zwischen rührender Gutmütigkeit, überbordender Distanzlosigkeit und rätselhafter Zielstrebigkeit changiert. Er richtet sich beim Killer häuslich ein, umsorgt ihn und fügt sich auf unheimliche Weise doch noch bestens in den Kreislauf der Gewalt ein.
Rahmenbildend widmen sich ein Lexikoneintrag und ein Essay von Lætitia Bianchi dem Titelwort, das dem Leser Deutungsansätze an die Hand gibt. Im Prinzip sind es dabei zwei Bedeutungslinien, die sich in der Figur und der Benennung dieses Prosopopus’ niederschlagen. Zum einen der alte Glaube an die Existenz von grotesken Lebewesen, die von den bekannten abweichen. Zum anderen die rhetorische Figur der Prosopopöie, also die Personifikation von etwas Abstraktem, Totem oder Unbelebtem als lebendig und sprechend.
Zwar spricht das Wesen hier nicht, doch treibt es durch seine Präsenz vergangene und verdrängte Schichten der Geschichte hervor, mit denen der Killer zunehmend konfrontiert wird. So bekommt auch das Attentat zu Beginn eine Vorgeschichte und zeigen sich am Prosopopus Anteile einer weiteren Toten.