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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:44

Jeffery Deaver: Allwissend

17.04.2010

Auf Glanz polierte Haken

Die Technologie rückt uns immer mehr zu Leibe, Realitäten verschieben, überlagern sich. Und bald müssen wir kaum noch ins Internet, weil sich im Outernet die physische Realität längst mit der Virtualität gekreuzt haben wird. Gefahr ist im Verzug, findet Jeffery Deaver und legt den Finger in die Wunde. ANNA VERONICA WUTSCHEL ist schmerzunempfindlich …

 

Ein Deaver ist immer nur dann ein Deaver, wenn nichts ist, wie es scheint. So gesehen kommt Allwissend derart glatt in Gang, dass sich der Leser vom Autor fast ein wenig genarrt gefühlt. Doch Deaver, der Meister der unzähligen Drehs und Twists de luxe, versteht es selbstverständlich mit altbewährter Masche, brillant in die Irre zu führen. Gut so, denn die Story flackert trotz aller erzählerischen Purzelbäume auf kleiner Flamme und legt dar, dass die reale Welt ganz böse Saiten aufziehen kann und dass es im Cyberspace nicht selten noch böser zugeht.

 

Deaver hat bereits in Der Täuscher geschildert, wie gefährlich es werden kann, wenn alle Daten, die man beständig im Alltag hinterlässt, nicht nur gesammelt und gespeichert, sondern auch ausgewertet werden. Und wie leicht es ist, diese Informationen gegen den Einzelnen zu verwenden ... In Allwissend widmet er sich nun dem Internet, den Spuren, die dort jeder Nutzer hinterlässt und die die Aufmerksamkeit eines jeden Bösewichts erregen können. Schlimm ist es, wenn die Parallelwelten keinesfalls voneinander abgespalten sind, wenn in unmittelbarer Vernetzung das Übel wie ein Ping-Pong-Bällchen hin und her springt. Das ist clever gemacht, und Deaver weiß, wie er seine bewährte hohe Betriebsgeschwindigkeit am Laufen hält. Doch Obacht, denn Allwissend erzählt nicht nur die gesamte Moral gleich mit, sondern schreibt sich auch ganz flott und dicht an den Kitsch heran.

 

Der Bösewicht im Zwischennetz

Travis ist ein pickeliger Teenager ohne Freunde. Klar, dass sich der Außenseiter ganz ins Internet zurückzieht, wo er seine Tage mit wilden Baller-Spielen verbringt. Nun hat er nach einer trinkfreudigen Party einen Unfall verursacht, bei dem zwei Mädchen starben. Die polizeiliche Ermittlung ergab indes, dass Travis keine Schuld traf. Als der ehrgeizige Blogger Chilton das Thema in seinem Blog jedoch aufnimmt, beginnen seine Leser in ihren Kommentaren schnell eine wahre Hass- und Hetz-Kampagne gegen Travis. Dann wird erst ein Mädchen entführt und fast getötet, dann ein anderes, bevor einige Morde folgen. Offensichtlich geht ein Mörder gegen all die vor, die im populären Chilton-Blog ihre Meinung kundgetan haben – der Blog kann übrigens in großen Teilen ganz interaktiv mitgelesen werden.

 

Alle forensischen Spuren sprechen dafür, dass der inzwischen abgetauchte Travis der ‚Kreuzmörder‘ ist. So wird er genannt, da der Täter ganz makaber anhand eines am Straßenrand aufgestellten Gedenkkreuzes seine Morde im Vorhinein ankündigt.

 

Kathryn Dance, die Expertin für Kinesik (Deutung der Körpersprache), verliert ordentlich den Überblick. Sie hat – stellvertretend für alle Leser, die nicht mit dem Internet vertraut sind – keine Ahnung, was sich in der garstigen Cyberwelt abspielt, und lässt sich das alles ganz genau von einem hinzugezogenen Experten erklären. Sie kämpft gegen Irrtümer, gegen einige Vorgesetzte und muss auch noch um ihre Mutter bangen, die überraschend des Mordes angeklagt werden soll. Fanatische Meinungsäußerer machen Dance und ihrer Familie das Leben zur Hölle. Wie auch Travis, der Mörder, der nicht zu fassen ist.

 

Fiese Phobien ...

Harte Fakten lassen keinen Zweifel zu, und Meinungen, Behauptungen verschieben rasch die Wahrnehmung. Kathryn Dance, Die Menschenleserin, läuft derweil dem Irrtum hinterher. Das Internet ist nicht ihr Metier, die freiwillige, naive Enthemmung einiger User lässt sie stutzen, das Geschwätz der Besserwisser, der Benimm-Vergesser sowie anderer Übeltäter legen ihr so viele Stolpersteine in den Weg, dass ihr sonst so untrügerisches Gespür ins Taumeln gerät. Das Recht auf eine Meinung sowie vor allem das Recht, diese frei zu äußern, hat, so lässt uns Deaver wissen, massive Tücken. Doch will der Autor das nicht nur erzählen, er will es auch erklären, so dass der Text ordentlich an bewährtem Deaver-Schleuder-Tempo verliert.

 

Warum indes ein High-Tech-Freak die grandios erdachten, vordatierten Gedenkkreuze aufstellt und sie mit Rosenblättern schmückt, lässt sich nicht so recht erschließen. Und auch die fiese Idee, die größte Phobie eines Menschen zu nutzen, um ihn zu töten, verliert sich ebenso rasch, wie sie aufgetaucht ist. Die Ermittlerin Kathryn Dance bleibt immer noch seltsam farblos skizziert, während einige Nebenfiguren wesentlich mehr amüsante Tiefenschärfe aufs Papier werfen. Da darf Deaver ruhig noch an seiner Protagonistin feilen, und auch die Story von Allwissend schlägt irgendwie mehr auf Glanz polierte als clevere Haken. Vielleicht weil Deaver eigentlich von fanatischen Selbstverliebtheiten, von naiv-dümmlicher Stimmungsmacherei sowie von mörderischer Überheblichkeit erzählen wollte. Dabei jedoch hat er den famosen Auftakt der eigenen Story verschlendert.

 

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