Ein Buch als humanistischer Appell an die Nachwelt
Und hierin darf man wohl auch die Ursache für den humanistischen Appell seines Verfassers, den sein letzter Roman unter dem Strich darstellt, erblicken. Jaques Chessex hat als achtjähriger Knabe sehr genau vernommen, was in der „Stadt der Schlächter und der Metzger“ gesprochen wurde. Es ist ihm nicht entgangen, dass Erschrecken, Entsetzen und der Ruf nach Vergeltung ziemlich schnell verstummten und bald wieder Gelächter ertönte an den Stammtischen. Gelächter darüber, dass es nun doch einmal einen der Richtigen erwischt habe. Ironie und Lästereien über „die Parasiten“, das „Pack“, das den Einheimischen das Blut zusammen mit dem Geld aussauge. Und dass dies alles nach dem Krieg ein für allemal aus den Köpfen seiner Landsleute verschwunden sei, sie tatsächlich etwas gelernt hätten aus der Vergangenheit, wird ihm spätestens dann fraglich, wenn er gut zwanzig Jahre nach der Bluttat – 1964 – an einem Lausanner Caféhaustisch einem der ideologischen Wegbereiter des schweizerischen Faschismus gegenübersitzt und der nicht den geringsten Anflug von Reue erkennen lässt.
Was aber noch wichtiger – und in gewisser Weise auch großartiger – ist: Der Autor selbst nimmt sich nicht aus der Verantwortung für das Geschehene heraus. Mit „Scham“, so heißt es gegen Ende, erzähle er seine schmutzige Geschichte, mit Scham, nun zu jenen zu gehören, die aus den verabscheuungswürdigen Ereignissen jener Tage späten ästhetischen Nutzen zögen. Allein er muss diesen Vorwurf riskieren, will er gegen jene Form des Schweigens und Verschweigens angehen, die den Fall Bloch mit einer vergangenen Zeit und nur mit dieser in Verbindung bringt. Denn für ihn steht fest: Früher ist jetzt!