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Donnerstag, 02. September 2010 | 19:47

Jacques Chessex: Ein Jude als Exempel

17.04.2010

Früher ist jetzt

Am 16. April 1942 wurde in dem kleinen waadtländischen Ort Payerne der 60-jährige jüdische Viehhändler Arthur Bloch in einen Hinterhalt gelockt und brutal ermordet. Die Täter, fünf ortsansässige Männer, standen der nationalsozialistisch orientierten Nationalen Bewegung der Schweiz (NBS) nahe, die als Teilorganisation des sogenannten Frontismus für eine Erneuerung des Alpenlandes auf faschistischer Grundlage eintrat. Sie wurden gefasst und verurteilt. Über ihr Motiv allerdings und die geistigen Anstifter der Bluttat sollte möglichst wenig nach außen dringen – denn die Schweiz wähnte sich zu jenem Zeitpunkt „neutral“ und hundertprozentig im Lager jener, die sich von der rassistischen Ideologie Nazideutschlands abgrenzten. Von DIETMAR JACOBSEN

 

Der im Oktober des vergangenen Jahres verstorbene französischsprachige Schweizer Autor Jaques Chessex (Jahrgang 1934) stammt aus Payerne. Hier, in der Nähe des Neuenburger Sees im westschweizerischen Kanton Waadt, wuchs er auf, besuchte die Schule und wurde 1942, im Alter von 8 Jahren, mit einem Mordfall in seiner Heimatstadt konfrontiert, der aufgrund seines rassistischen Hintergrunds und der unglaublichen Brutalität – mit der hier fünf Männer, nur um ein Zeichen zu setzen, einen unbescholtenen jüdischen Viehhändler hinterrücks abschlachteten – landesweit hohe Wellen schlug.

 

Chessex saß in der Schule neben der ältesten Tochter des Hauptangeklagten, der Sohn des Polizeichefs von Payerne war ebenfalls einer seiner Mitschüler, sein in einem antifaschistischen Verein engagierter Vater hatte als Lehrer einen der fanatisierten Mörder unterrichtet und wurde im Prozess als Zeuge gehört. Diese persönliche Nähe zum Geschehen war nicht der alleinige Grund, weshalb der Fall den späteren Lehrer und Schriftsteller sein Leben lang nicht mehr loslassen sollte. Denn genauso präsent wie die grauenerregenden Details, die die Kinder damals beunruhigten und verstörten, blieben Jaques Chessex die Untertöne in den Reden der Payerner über den Fall. Und die sprachen den offiziellen Verlautbarungen der „neutralen“ Schweiz zur Politik und zu den Verbrechen des benachbarten Deutschland während des Krieges und nach dem Krieg Hohn.

 

Erinnern gegen Vertuschen

Ein Jude als Exempel, 2009 als letzter Roman des bis heute einzigen Schweizer Prix-Goncourt-Preisträgers erschienen, bemüht sich vor allem, die Stimmung jener Zeit einzufangen. Nahezu vollständig verzichtet das schmale Buch dabei auf Fiktion. Es kommt als Bericht daher, nähert sich den Ereignissen in jenem fernen April manchmal fast minutiös, arbeitet mit Klarnamen und verhehlt auch nicht, dass es sich bei der Person, durch deren Augen der Leser auf die Geschehnisse blickt, um den Autor selbst handelt.

 

Das erinnert wohl nicht zufällig an den Erzählgestus von Gabriel García Márquez’ Roman Chronik eines angekündigten Todes (1981). Das gleiche Bemühen um Objektivität. Derselbe analytisch-sezierende Blick auf die Ereignisse. Dieselbe felsenfeste Überzeugung, dass es sich bei der scheinbar alles Verstehen übersteigenden Tat um etwas gehandelt hat, aus dessen Wurzeln sich jederzeit mehr speisen konnte als nur der Wahnsinn von fünf konkret benennbaren Tätern. Und so schwingt die ungute Atmosphäre in einem Land, das sich so gern aus allem Unheilvollen in der Welt ringsum herausgehalten hätte, dennoch aber nicht verhindern konnte, dass Antisemitismus und offenes Sympathisieren mit der faschistischen Ideologie des nordöstlichen Nachbarn in allen Bevölkerungsschichten gang und gäbe waren, von der ersten Seite des Romans an mit.

 

Ein Buch als humanistischer Appell an die Nachwelt

Und hierin darf man wohl auch die Ursache für den humanistischen Appell seines Verfassers, den sein letzter Roman unter dem Strich darstellt, erblicken. Jaques Chessex hat als achtjähriger Knabe sehr genau vernommen, was in der „Stadt der Schlächter und der Metzger“ gesprochen wurde. Es ist ihm nicht entgangen, dass Erschrecken, Entsetzen und der Ruf nach Vergeltung ziemlich schnell verstummten und bald wieder Gelächter ertönte an den Stammtischen. Gelächter darüber, dass es nun doch einmal einen der Richtigen erwischt habe. Ironie und Lästereien über „die Parasiten“, das „Pack“, das den Einheimischen das Blut zusammen mit dem Geld aussauge. Und dass dies alles nach dem Krieg ein für allemal aus den Köpfen seiner Landsleute verschwunden sei, sie tatsächlich etwas gelernt hätten aus der Vergangenheit, wird ihm spätestens dann fraglich, wenn er gut zwanzig Jahre nach der Bluttat – 1964 – an einem Lausanner Caféhaustisch einem der ideologischen Wegbereiter des schweizerischen Faschismus gegenübersitzt und der nicht den geringsten Anflug von Reue erkennen lässt.

 

Was aber noch wichtiger – und in gewisser Weise auch großartiger – ist: Der Autor selbst nimmt sich nicht aus der Verantwortung für das Geschehene heraus. Mit „Scham“, so heißt es gegen Ende, erzähle er seine schmutzige Geschichte, mit Scham, nun zu jenen zu gehören, die aus den verabscheuungswürdigen Ereignissen jener Tage späten ästhetischen Nutzen zögen. Allein er muss diesen Vorwurf riskieren, will er gegen jene Form des Schweigens und Verschweigens angehen, die den Fall Bloch mit einer vergangenen Zeit und nur mit dieser in Verbindung bringt. Denn für ihn steht fest: Früher ist jetzt!

 

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