Im Dezember 1984 erreichte mich in Bangkok ein Luftpostbrief. Inhalt und Form des Schreibens aus Kreuzpullach bei München sagten bereits viel über den Verfasser aus, wie mir erst sehr viel später bewusst wurde. Der Text war eine präzise Vorgabe, abgefasst in kleiner aber klarer Handschrift. Blaue Tinte auf grauem Papier. Kleine Bögen. DIN A5. Der Absender hatte meinen Roman Barbachs Bilder gelesen und wollte einen Film daraus machen. Ich war dem Mann nie begegnet, aber was er schrieb, sprach mich in seiner sehr persönlichen Art an. Kein Geschwafel, dafür präzise Analyse und Aufriss eines Projekts. Klartext.
Die Nachricht endete: „Grüße aus der Kälte! Ihr Ulf Miehe“. Irgendwo in meinem Hinterkopf meldete sich so etwas wie Erinnerung. Ich ging zum Bücherregal, in dem die Termiten mit leisem Knistern arbeiteten, und zog nach kurzem Suchen ein Taschenbuch hervor. Puma. Der Vermerk auf dem ersten unbedruckten Blatt zeigte mir, dass ich den Roman im Dezember 1978 auf der Seychelleninsel Mahé gelesen hatte und seitdem mit mir um die Welt schleppte. Die großen weißen Ameisen hatten ihre Gänge einige Millimeter tief in die Unterkante des Buches gefräst. Sie waren dabei jedoch nicht über den unbedruckten Rand des angegilbten Papiers vorgestoßen – als sei der Text zu harter Stoff für sie. Ich blätterte und las eine der Passagen, die ich mit Bleistift markiert hatte: „Als die Stille anfing, laut zu werden, sagte sie: ‚Also ich geh jetzt ins Wasser.‘“
Auf der zweiten Seite informierte mich der Verlag knapp über den Autor: „Ulf Miehe, Jahrgang 1940, wurde als Schriftsteller und Filmregisseur bekannt. Sein Erstlingserfolg Ich hab noch einen Toten in Berlin erlebte eine Gesamtauflage von über 300.000 Exemplaren und wurde im ZDF mit dem Titel Output verfilmt. Für seinen Film John Glückstadt nach Theodor Storm erhielt er 1975 den Bundesfilmpreis für Regie.“
Miehes erstem Brief folgten weitere. Es handelte sich meist um mehrere, sehr eng beschriebene Seiten mit Beobachtungen, Anmerkungen und Drehbuchskizzen. Nicht selten wurden es immer aufs Neue datierte Fortsetzungsbriefe. Der Mann dachte und lebte in Bildern. So schrieb er: „Danke für die Fotos! Ich werde auch meine Umgebung mal aufnehmen und Ihnen schicken. Vielleicht knipst mich Angelika mal, wie ich Ihnen von der harten Biergartenbank im Garten schreibe.“ Zudem ließ er mir selbst aufgenommene Kassetten mit Musik von Bob Dylan und Warren Zevon zukommen. Ich revanchierte mich mit den erbetenen Po Chai Pillen (die meist vom deutschen Zoll beschlagnahmt wurden) und später in Berlin mit einem Paar handgemachter Stiefel aus meinem Südamerikafundus.
In den Briefen erfuhr ich eine Menge über Miehes umfassendes Interesse am kreativen Machen. Sein Wissen und seine Neugier liefen wahrhaftig nicht auf Schmalspur. Was den Film angeht, waren neben Samuel Fuller und Sam Peckinpah auch Wim Wenders und Lina Wertmüller Objekt seiner Wertschätzung und kritischen Analyse. Peckinpah empfand er als widersprüchlich, schätzte jedoch „die zähneknirschende Realität, mit denen er seine Geschichten erzählt“. Damit meinte er vor allem Bring mir den Kopf des Alfredo García, während er Steiner − Das eiserne Kreuz für einen grauenhaften Kriegsfilm hielt (was er seinem amerikanischen Kollegen wohl auch persönlich vermittelt hat, als er ihm in München bei der Suche nach deutschen Darstellern half). Meine mangelnde Begeisterung für Federico Fellini konterte Miehe: „Fellini! Ist mehr als Zwerge und Riesentitten! Fellini ist ein Großmeister. Kennen Sie Der weiße Scheich? Das ist ein früher, aber auch Stadt der Frauen? Aber darüber muss man reden, sonst gerät das hier zum Glaubensbekenntnis.“
Nachdem wir unsere Berührungspunkte als Kinogänger abgearbeitet hatten, konzentrierte der Austausch sich auf Stoffe, die im Hinblick auf die filmische Umsetzung meines Romans relevant waren. Auch hier gab es einen gemeinsamen Nenner: Brian De Palma, den „Effekthascher“ und „Ober-Hitchcock-Epigonen“ wie Miehe ihn nannte. Vor allem Dressed To Kill und Der Tod kommt zweimal spielten dabei eine Rolle. Auch Das Auge von Claude Miller und Peeping Tom mit Karlheinz Böhm beschäftigten uns. Alfred Hitchcock nicht zu vergessen. Kern des kreativen Austauschs war jedenfalls immer das Handwerk. Prosaschreiben und Filmemachen. Quer durch die Bank. Bereits in seinem ersten Brief hatte Miehe mir seine Meinung zum Schubladendenken zukommen lassen: „Der deutsche Krimi, den es ja angeblich geben soll, hat mir meistens zu viel anspruchsverblasenes Problemgetue, da wird Sozialkritik mit Handlung verbunden und vor allem angeprangert statt erzählt. Eine sehr bemühte Angelegenheit, übrigens auch sprachlich, weswegen das meiste schlicht ungenießbar ist. Also zum Teufel mit der Genre-Bezeichnung!“
Ulf Miehe beackerte hartnäckig das schwierige Terrain der anspruchsvollen und spannenden Unterhaltung. Und dieses Brachland liegt bekanntlich zwischen den Weiden, auf denen die Sektiererherden der Genre-Fetischisten grasen, und den sauerstoffarmen Höhen, auf denen sich die Scharlatane der sogenannten ernsthaften Literatur tummeln – stets eifrig damit beschäftigt, Einbildung mit Bildung zu verwechseln. Miehe konnte schreiben, und er nutzte dieses Talent, um zu erzählen. Weder das eine noch das andere ist in unseren Breiten selbstverständlich. Seine Prosa erinnert an Granit, in den kleine Herzen gemeißelt sind. Kunst, die auf solidem Handwerk basiert. Ganz im Sinne der Erkenntnis: Jede gut erzählte Geschichte ist ein Thriller! Ganz egal, welcher Sparte sie aus Dünkel oder Zwängen der Vermarktbarkeit zugeordnet wird.