Hautnah - Die Methode Hill. Staffel 4
05.06.2010
Sex - Macht - Manipulation - Kontrolle
Erst vor wenigen Wochen lief die 6. und damit letzte Staffel der Serie Hautnah - Die Methode Hill im ZDF. Als bekannt wurde, dass der britische Sender ITV die Produktion wegen zu hoher Kosten eingestellt hatte, reagierte der Tony-Hill-Fan empört und enttäuscht, weil eine international derart erfolgreiche Serie abgesetzt wurde. Er kann sich nun aber mit der gerade auf DVD erschienenen 4. Staffel trösten, die erneut durch flotte und ambitionierte Inszenierung und hervorragende Darstellung überzeugt. ANNA VERONICA WUTSCHEL ist ein treuer Fan.
Der Style dieser 4. Staffel ist vornehmlich auf düster getrimmt. Asphalt, Stahl und Beton werden zu einer Szenerie für Laster und Mord. Immer wieder zielt die Kamera durch Gitter und erzeugt so eine klaustrophobische Stimmung von Ausweglosigkeit. Doch auch urbaner Chic sowie die pittoresken Eckchen der fiktiven Stadt Bradfield und ihres Umlands – gedreht wurde übrigens in Newcastle – werden exzellent eingefangen. Obgleich verwaschene Grau-Blau-Töne, vermischt mit einer ordentlichen Portion Neon-Geflackere, die Atmosphäre bestimmen, setzen auch immer wieder warme und volle Farben einen hoffnungsvollen Kontrapunkt. Dieser wird vor allem in der dritten Folge ganz perfide ausgespielt, wenn ein besonders tragischer Fall ganz bös hedonistisch in Pomp und prachtvoll barocken Farben schwelgt.
Überhaupt kann die TV-Serie auch in dieser Staffel mit motivisch wohldurchdachten Spielchen punkten. Lichteffekte, Perspektivenwechsel, Spiegelungen der eigenen Art, (A-)Symmetrien und (Un-)Schärfen setzen Akzente, die es mit einem Hollywood-Kino-Filmchen durchaus aufnehmen können.
Thema & Variation
Die immer komplex erzählte Handlung indes scheint nicht selten überkonstruiert und auf viel zu vielen Zufällen basierend zu viele Haken zu schlagen. Dabei stehen in dieser Staffel thematisch alle vier Folgen ganz stramm unter dem Themenkomplex: Sex – Macht – Manipulation – Kontrolle. Zwar bietet jede Folge eine in sich clever konstruierte Variante dieses Motivbündels, insgesamt betrachtet scheint der Ansatz jedoch ordentlich überbeansprucht. Die in mancherlei Hinsicht aufkeimende mangelnde Glaubwürdigkeit der Fälle wird allerdings souverän von einem fein kalkulierten Skript und der grandiosen Darbietung der Schauspieler locker abgefangen.
Die 4. Staffel überrascht vor allem mit dem unerwarteten Abgang Carol Jordans. Erneut ist es Drehbuch und Schauspielern zugutezuhalten, dass die Neue, DI Alex Fielding (Simone Lahbib), die beliebte Jordan (Hermione Norris) fast nahtlos ersetzt, dabei jedoch – nicht nur als allein erziehende Mutter – sehr rasch ihre eigene Methode, ihren eigenen Stil prägt. Natürlich nicht in der Haltung dem Querdenker Hill gegenüber, den sie zunächst aus guten Gründen komplett aus ihren Ermittlungen verbannen will, um später den sozial unangepassten Sonderling als wertvolle Stütze in ihr Team aufzunehmen.
Dass derartig enge Zusammenarbeit sich zügig ins Private verläuft, versteht sich wie von selbst, obwohl der passionierte Plastiktüten- und Barbour-Jacken-Träger Hill (Robson Green) auch weiterhin mit jedweder engeren Beziehung gänzlich überfordert scheint. Green überzeugt erneut mit der glaubwürdigen Darstellung einer eigenwilligen Persönlichkeit, die niemals in gesuchter Drolligkeit oder gar kurioser Peinlichkeit versackt. Und in dieser 4. Staffel darf er gleich mehrfach zum ungestümen Heißsporn auflaufen.
Verquere Theorien & abstruse Fälle
Kaum scheint Tony Hill von einer schwerwiegenden Operation, in der ihm ein Hirntumor entfernt wurde, genesen, sieht er sich mit seinen einst begangenen Fehlern konfrontiert. Hat ein von ihm erstelltes Profil fälschlicherweise einen Unschuldigen hinter Gitter gebracht? Als dann ein Mord geschieht, schaltet sich Tony dennoch umgehend in die Ermittlungen ein. Er muss sich mit Carols unbequemer Nachfolgerin DI Fielding herumschlagen, die bereits mit ordentlichen Startschwierigkeiten bei der Bradfielder Polizei kämpfend absolut keinen Wert auf Hills offensichtlich zweifelhafte Expertisen legt. In der Zwischenzeit jedoch verschwinden junge Frauen, und ein klug agierender Täter vergnügt sich in seinem ganz privaten lasterhaften Boudoir. Wird Tony mit seinen verqueren Theorien einer sich energisch irrenden Fielding in Tödliche Fallen auf die Sprünge helfen können, bevor weitere Opfer sterben müssen?
Das sich langsam zusammenfindende Duo Hill/Fielding muss in Tödliche Worte eine weitere besonders komplizierte Mordserie lösen. Der eher abstruse Fall ist direkt aus Val McDermids Feder auf den Bildschirm geflossen, und die ist immerhin bekanntlich die Erfinderin des liebenswerten Sonderlings Tony Hill. Den Untersuchungen des Sittendezernats unterstellt, muss Tony sich erneut auf eine harte Bewährungsprobe und einige Machtkämpfe einlassen. Prostituierte werden qualvoll zu Tode geschlitzt, doch der bereits für diese Verbrechen verurteilte Mörder sitzt in der Psychiatrie. Und die die Ermittlungen leitende Beamtin lässt Dr. Hill unverblümt wissen, wie viel sie von seinen Psycho-Geschwätzeleien hält. Tatsächlich erscheinen seine immer wieder abgewandelten Profile und Ratschläge derart wirr, dass niemand ihm Glauben schenken will.
Als DC Paula McIntyre (Emma Watson) bei einer Lockvogel-Undercover-Aktion in die Hände des Mörders gerät, laufen die Ermittlungen kopflos aus dem Ruder. Die 2. Folge glänzt durch perfekt abgestimmtes Timing, das rasante Action, stagnierende Ermittlungen und ruhige, lange Szenen kuppelt, die Hill mit einem vornehmlich schweigenden Mörder in der Psychiatrie verbringt.
Intuition & Spaß
Es sind Verlorene Seelen, die in der 3. und wahrscheinlich besten Episode dieser Staffel ihr verpasstes Heil suchen. Doch die Person, die sie leitet, scheint nichts als Mord im Sinn zu haben. Während das Team um DI Fielding im Dunklen tappt und bis in die höchsten Ränge der eigenen Vorgesetzen seltsame Doppeltodesfälle klären muss, glänzt Tony mit gnadenloser Intuition und exzellenter Recherche.
Das Schwarze Loch hingegen bringt Tony scharf an den Rand all seiner Möglichkeiten. Tony wird mit seinem ersten Fall, den er für die Polizei aufgeklärt hatte, konfrontiert. Die Beweise sprechen allerdings inzwischen nicht nur laut und vernehmlich für die Unschuld des damals Verurteilten, es wird behauptet, Tony habe das Geständnis erpresst und dem Inhaftierten durch fiese Manipulation den Keim des Verderbens eingepflanzt. Ist dieser nach seiner frühzeitigen Entlassung von einer reinen Seele nun zum Frauenmörder mutiert? Oder macht sich ein Nachahmungstäter einen entsetzlich mörderischen Spaß? Tony Hill sieht sich als Opfer eines lang geplanten Rachefeldzugs. Doch scheint es eher, als leide der Doktor inzwischen an schwerer Paranoia.
Clever konstruiert und rasant in Szene gesetzt, fängt auch die 4. Staffel von Hautnah - Die Methode Hill den erfolgreichen Grundton der Serie ein. Alle Sympathie basiert weiterhin auf Tony Hill, der sich – auch mit neuer Partnerin – perfekt in Szene zu setzen weiß. Das ist zwar kein atemloses Feuerwerk an Thrill, aber hervorragende Unterhaltung auf bestem British Prime-Crime-Niveau.
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