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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 09:37

Jutta Profijt: Schmutzengel

19.06.2010

Frauen!

Eine junge Werbekauffrau verliert an einem einzigen Tag ihren Job, ihren Liebsten und ihre Wohnung. Da muss schnell ein neuer Lebensplan her. Gut, ein Job als Putzfrau lässt nicht jedes Frauenherz höher schlagen, aber der Bedarf für eine erfolgreiche Klientel, die sich Hochglanzwohnungen etwas kosten lässt, ist vorhanden. Als gewissenhafte Jungunternehmerin, die ihren Job sehr ernst nimmt, muss sie aber auch weniger schöne Dinge aus den Wohnungen der Kunden entfernen, wie zum Beispiel Leichen. DOREEN WORNEST nimmt den Roman von Jutta Profijt ernst … na ja, ein bisschen wenigstens.

 

Corinna wird aufgrund der Wirtschaftskrise (böse Wirtschaftskrise!), die auch in den Werbeagenturen angekommen ist, ganz plötzlich gekündigt, denn sie ist keine „Kreative“, sondern für den organisatorischen Ablauf und die Pflanzen der Agentur verantwortlich. (Denen auch der erste Gedanke nach Ausspruch der Kündigung gilt.) Als sie dann früher als sonst wieder nach Hause kommt, liegt ihr Liebster mit einer anderen Frau im Bett. (Erklärung des Liebsten: „So sorry, Corinn. Es war love at first sight." Ach ja, und da sie jetzt in unsere Stadt zieht, wäre es ja lächerlich, wenn sie sich eine Wohnung suchen müsste, deshalb dachten wir, du ziehst aus.) Klar ist man da erst mal sprachlos, aber wieso zieht Corinna zunächst in das Arbeitszimmer des Liebsten, in dem sie mit klopfendem Herzen wartet, dass er wieder an die Tür klopft und seinen Irrtum einsieht? (Ja, ich weiß, diese Fantasien hat Frau nun mal, aber trotzdem darf man sich doch ärgern.)

 

Eine Odyssee ...

Jetzt beginnt eine Odyssee – vom Basteln eines aufregenden Lebenslaufs über den Besuch beim Arbeitsamt (mit gruselig lebensechten Sachbearbeiterinnen), Bewerbungsgesprächen und der Suche nach dem passenden Outfit (jung, erfolgreich und seeehr modeinteressiert) bis zum Cafébesuch nach furchtbaren Gesprächen in oberhippen Werbeagenturen (was für ein Glückskind Corinna doch ist, sie kann in schweren Zeiten nicht essen) und sogar zu einer Stilberatung für Jungunternehmerinnen (sehr lustig für Außenstehende, wie die Teilnehmer von dem unsensiblen Berater auseinandergenommen werden, à la „Busen zu klein, Arsch zu breit, wer rasiert sich denn da nicht die Beine“?). Nachdem das alles überstanden ist und der neue Jungunternehmerinnenarbeitsalltag begonnen hat, findet Corinna in einem ihrer zu betreuenden Anwesen die Leiche eines Landstreichers. Es sieht so aus, als wäre er durch eine von ihr nicht verschlossene Tür hineingeschlichen und dann verblichen. Da so etwas kein gutes Licht auf ein junges Unternehmen wirft, muss die Leiche weg.

 

Und noch eine Odyssee ...

Wie aber lässt man eine Leiche verschwinden? Erst mal in den Kofferraum damit. Natürlich schaut ein Stück vom Mantel des Verblichenen aus dem Kofferraum, und natürlich wird sie von der Polizei angehalten. (Ja, wir Frauen sind sehr gut in Ausreden.) Natürlich wird auch das Auto abgeschleppt, bevor der Entsorgungsvorgang abgeschlossen ist. (Wir sind auch gut darin, zu bekommen, was wir wollen.) Und als die Mission nach endlosem Adrenalinausstoß endlich abgeschlossen ist und die Leiche in einem Güterwagon ihre letzte Reise antritt, meldet sich der Besitzer des Anwesens, in dem besagte Leiche lag, und will sie zurück! 

 

Wer sich gerade in einer ähnlichen Lebenslage befindet (nicht unbedingt eine Leiche entsorgen zu müssen, aber im beruflichen Niemandsland), kann diese leichte Sommerlektüre schmunzelnd in der Bahn (vielleicht auf dem Weg zum nächsten Bewerbungsgespräch) lesen und sich mit Sicherheit darin wiederfinden. Die Frage ist, ob es auch dem Ottonormalarbeitnehmer so geht, der sich nicht mehr mit dem Thema Lebensplanung auseinandersetzen muss. Mir (mitten drin in der Findungsphase für einen Platz in der arbeitenden Gesellschaft) hat das Buch Spaß gemacht. Einzig störend ist, dass die Ich-Erzählerin ständig ankündigt, dass sie gleich darauf zu sprechen kommt, was ihr denn Schlimmes widerfahren ist. Klar, eine Leiche im Kofferraum herumzufahren trägt nicht gerade zur Harmonisierung des Geistes mit der Umwelt bei, aber man erwartet größeres Grauen und vielleicht sogar ein wenig Blut. 

 

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