Anne Holt: Die Wahrheit dahinter
14.03.2004
Hölle und Hoffnung
Ahhh! – ein neuer Krimi von Anne Holt. Und der Krimifan atmet tief durch. Warum eigentlich? Weil er erneut zwei Lesenächte lang ins Leben der Hanne Wilhelmsen eintauchen wird. Weil er erneut gefangen genommen werden wird von dieser ruppigen, sperrigen Person, die sich gerade in ihrer Schroffheit so verletzlich zeigt. Weil sich endlich ein neuer Holt-Roman anschließt an eine Familiensaga der ganz eigenen Art.
Es ist der siebte Streich. Zum siebten Mal schauen wir der Osloer Ermittlerin Hanne Wilhelmsen über die Schulter, wenn sie in ihren Unterlagen blättert; wenn sie des Nachts wach liegt und nicht schlafen kann ob der allzu eindeutigen Beweise, die immer darauf hinweisen, dass der eigentliche Täter noch nicht ins Blickfeld gerückt ist. Siebenmal auch haben wir tiefe Einblicke ins private Leben der Hanne Wilhelmsen erhalten und uns so langsam ein Bild zurechtgelegt: von Hanne, der Grüblerin; von Hanne, der Menschenfeindin, die gerade deswegen sofort alles stehen und liegen lässt, wenn sie gebraucht wird, um einen Fall aufzuklären. Auch diesmal finden wir die uns über die Jahre so lieb gewordene Kommissarin entspannt und relaxed vor, inmitten ihrer Lieben, als da wären ihre neue Liebesgefährtin Nefis und ihre Haushälterin Marry – die wir beide erst kürzlich in Holts sechstem Krimiroman Das letzte Mahl kennen gelernt haben. Gemütlich sitzt man zusammen – Halt! Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass es soweit her mit der Gemütlichkeit nicht ist. Denn Weihnachten steht vor der Tür; jenes Fest, das so berüchtigt ist für die zwiespältigen Gefühle, die es auslöst: Einerseits will man sich verlieren in Heimeligem und Vertrautem, das andererseits schnell als klebrig, übergriffig und abgestanden empfunden wird – so wie die Familie stets Schrecken wie Hoffnung zugleich ist.
Ermittlungen im Familiendickicht
Und so ist erst einmal alles wie immer: Rechtzeitig klingelt das Telefon, um einen Mord zu vermelden, der unsere Hanne aus den Fängen von selbst verordneter Harmonie und störrischer Gegenwehr befreien wird. Es gibt ein Haus, in dem plötzlich weiße Kreidestriche die Umrisse von Körpern nachzeichnen. Es gibt Nachbarn, die nichts gehört haben, und es gibt Kollegen, die sich mit ersten Mutmaßungen zufrieden geben wollen. Es gibt alsbald das Stochern im Nebel, und es gibt das Auslegen verschiedener Fäden, die sich nicht verknüpfen lassen wollen, und die lesend zu verfolgen, das erzeugt, was man gemeinhin Spannung nennt.
Wie so oft bei Holt, hat es schon der Mord in sich: Teile einer Familie sind ausgelöscht worden. Noch dazu gibt es einen seltsamen vierten Toten: einen schriftstellernden Elektriker, von dem bisher nicht bekannt war, dass er Kontakt zu der gemeuchelten Reederfamilie hatte, die ökonomisch und damit sozial zu einer ganz anderen Liga gehörte. Und Hanne muss sich aufmachen, um in Familiendickichten zu ermitteln: in dem einer bisher fremden Familie, in der von profaner Liebe bis zu tödlichem Hass alles möglich zu sein scheint; in der, der sie selbst entstammt und die nach dem Tod ihres Vaters zu einem belastenden Phantom zu werden droht und sie selbst wieder Tochter werden lässt. Und nicht zuletzt führt ihr Weg immer wieder nach Hause in ihr nicht durch Abstammung und Herkunft geprägtes Heim, von dem sie hofft, dass hier ganz andere Regeln gelten. Vielleicht das eigentliche Thema all ihrer Romane: zu fragen, wie es gelingen kann, sich zwischen dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit und dem nach Autonomie zu behaupten, und wie die Schmerzen ertragen, die sich einstellen, wenn man merkt, dass jeweils die eine Hälfte fehlt, entscheidet man sich für die andere. Und man taucht entsprechend gebannt wieder in den Text ein, um – kaum hat man die ersten Seiten überflogen und kaum hat man sich wie gewohnt fest gelesen – festzustellen, wie gespannt man ist, wie es wohl im achten, neunten oder zehnten Buch mit Hanne und den Ihren weitergehen wird und was für eine Art von Familie daraus eines Tages erwachsen wird.
Frank Keil-Behrens
Anne Holt: Die Wahrheit dahinter. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Piper 2004, 385 Seiten, 19,90 ¤. ISBN 3-492-04609-6
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