Sabine Lohf: Alles Banane? / Gilbert Legrand: Sachen machen lachen.
28.11.2011
Ganz genau hinschauen!
Wir kennen die Dinge um uns herum, können sie benennen, benutzen sie täglich und wissen genau, wozu sie da sind. Wirklich? Zwei witzige Bilderbücher laden dazu ein, die Welt einmal mit anderen Augen zu sehen. ANDREA WANNER staunte.
So unterschiedlich die beiden Bücher sind, so viele Gemeinsamkeiten haben sie. Beide kommen sie ganz ohne Wörter auf. Beide verblüffen. Beide wagen kreative Experimente, setzen auf Assoziationen. Das eine richtet sich an die ganz Kleinen, das andere eher an die Älteren. Und beide möchte man, einmal in die Hand genommen, nicht mehr weglegen.
Seht ihr den Mond dort stehen?
Ravensburger setzt auf die kleinen, quadratischen Pappbilderbücher, die wunderbar in Kinderhände passen und so schnell nichts übel nehmen. Die Zielgruppe der Kleinen ab zwei Jahren kennt selbstverständlich auch die gelben, gebogenen Dinger, die man essen kann, wenn man erst mal die Schale entfernt hat. Aber hoppla, verwandelt sich die Banane nicht plötzlich in den grinsenden Mund einer fröhlichen Katze oder in ein Piratenboot, das munter auf den Wellen schaukelt. Auch die gelbe Mondsichel am Himmel hat durchaus Ähnlichkeiten mit der Frucht, die ursprünglich aus der südostasiatischen Inselwelt stammt.
Alles Banane? Tja. Manchmal lohnt sich ein zweiter Blick. Die bei Hannover lebende Illustratorin und Autorin Sabine Lohf sammelt allerdings nicht willkürlich Objekte, sondern folgt einer in sich logischen Assoziationskette. Zum Mond am Himmel gehören Sterne. Das Gegenstück ist die Sonne und die lässt sich wunderbar aus leuchtend gelben Löwenzahnblüten basteln. Aber im Namen der Blüten steckt auch bereits ein wildes Tier, das mit einer Mähne aus den goldgelben Blumen wie ein zahmes Kätzchen aussieht… Es ist ein witziges Spiel, das über einen Umweg in der Knopfkiste (wahrscheinlich das kreativste Spielzeug überhaupt, das sich in einem Haushalt finden lässt), irgendwann wieder bei der Banane endet. Als schlafender Mond.
Schrauben, Muttern, Wasserhähne...
Der französische Künstler Gilbert Legrand hat einen Rundgang durch Werkstatt und Küche gemacht, hat im Sperrmüll gestöbert und die Dinge, die er gefunden hat, zu ganz neuem Leben erweckt – und mit den daraus gewerkelten Figuren kleine Szenen arrangiert. Da lugt zu Beginn der Kopf einer Ente ganz vorwitzig aus einem Schrank. Sie wagt sich aus ihrem Versteck, gefolgt von einer Schar anderer Vögel, deren Körper aus alten Taschenmessern, Korkenziehern und Flügelmuttern bestehen und die munter auf ihren Drahtbeinchen im Gänsemarsch über die Seiten schreiten. Zollstockmännchen und Scherencowboys haben ihren Auftritt, Champagnerkorkentänzer steppen übers Papier, Wasserhahnschurken werden von Wasserhahnpolizisten gejagt, Eierkartongespenster fliegen in einem merkwürdigen Objekt (dem Eierkarton) davon… Legrand zaubert Dynamik in die Auftritte, verfremdet Bekanntes, macht es zu Neuem, das wir doch zu gut kennen.
Kreative Freiräume
Beide Bilderbücher zeigen Überraschendes und lassen doch Freiräume für Eigenes. Beide regen an. Und wenn am Ende von Legrands Bilderbuch die Sachen, die uns lachen machten, in Luftpolsterfolie gut verpackt, wieder zurück in ihrer Kiste steigen, wissen wir, dass es nur an uns liegt, sie zu einem weiteren Auftritt einzuladen. Willkommen in der Welt der grenzenlosen Fantasie, die manchmal in Vergessenheit zu geraten droht und auf die uns Sabine Lohf und Gilbert Legrand mit ihren Büchern in Erinnerung rufen. Nachhaltig, denn wer anschließend einen Wasserhahn benutzt oder eine Banane isst, wird schon sehen, was passiert…
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