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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:49

Silvana d`Angelo: Der Duft der Dinge

05.12.2011

Ein Fest für die Nase - und die Augen!

In der Masse der Neuerscheinungen – die jüngsten Zahlen haben ergeben, dass im vergangenen Jahr die 8000er-Marke bei Kinder - und Jugendbüchern erreicht wurde – wird leicht vergessen, was für eine Leistung ein Buch eigentlich ist. Hin und wieder aber tauchen aus der Flut einzelne Bücher auf, bei denen Idee, Umsetzung und schieres Können zu einem so meisterlichen Ergebnis zusammenfließen, dass man das Gefühl hat, ein wahres Wunder vor sich zu haben. Silvana D’Angelo und Antonio Marinoni haben mit ihrer Geschichte Der Duft der Dinge ein solches Wunder geschaffen. MAGALI HEISSLER staunt immer noch.

 

Velluto heißt er, ›Samt‹. Schon der Name stimmt erwartungsvoll; dass er ein Dieb ist, macht neugierig. Nachts steigt er in Wohnungen ein, aber was er dort stiehlt, ist seltsam und ungewöhnlich gleichermaßen: Velluto stiehlt Düfte. Tatsächlich ist er ein richtiggehender Schnüffler, er schnuppert allem hinterher, was er in einer Wohnung nur findet. Einige Stunden lang begleiten die Glücklichen, in deren Hände dieses Buch gelangte, diesen Dieb auf seinem Streifzug. Dabei tauchen sie zugleich ein in die Welt der Familie von Claude, Corinne, Pierre und Emile.

 

Ihre Wohnung ist geräumig und aufregend möbliert. Seltsam geformte Möbel stehen da, die Bilder an den Wänden sind ungewöhnlich; im ständigen Spiel von Licht, Halblicht, Schatten und Dunkelheit treten die Gegenstände hervor und verschwinden wieder. Flächen und Räume verändern sich, Perspektiven wechseln. Ebenso wechseln die Düfte, die Velluto, der sachte wie der Nachtwind durch die Zimmer schleicht, mitnimmt. Er riecht Essensgerüche ebenso wie Gerüche vergangener Zeiten oder den puren Duft der Gedanken. Er hört Geschichten aus den Gesprächen der Familienmitglieder, noch bevor sie sich tatsächlich eine Geschichte erzählen. Diese ist im Übrigen ebenso spannend, wie die von Velluto, dem Dieb.

Doch nicht nur Velluto erzählt, auch die Gegenstände teilen sich mit. Genaues Hinsehen ist verlangt.

 

Ein Auge für die Kunst am Gegenstand

Die Geschichte von Velluto beginnt bereits auf dem Buchumschlag. Hier darf man einen ersten Blick auf die Wohnung werfen, die sich der eigenartige Dieb für diese Nacht ausgesucht hat. Er ist ein überaus gründlicher Arbeiter und ebenso gründlich führt er auch Protokoll über seinen Besuch. Warum er sich gerade diese Wohnung ausgesucht hat, erfährt man selbstverständlich auch.

 

Um Vellutos Erlebnisse aufzunehmen, bräuchte man eigentlich vier Augen, zwei zum Lesen des Texts und zwei, um all das, was auf den Bildern präsentiert wird, zu erfassen. Es gibt so viel zu entdecken. Rasch fällt auf, dass die Möblierung besonderer Art ist. Tatsächlich haben Corinne und Claude ihre Zimmer mit Gegenständen der berühmtesten Designerinnen und Designer ausgestattet, vom 18. Jahrhundert bis heute. Batty Langley ist ebenso vertreten wie Alvar Aalto, León Spillaert, Anne Jacobsen oder, ganz aktuell, Marcel Wanders. Es fehlen nicht de Chirico, Donghi, Louise Bourgeois und Magritte. Wer eine Vorliebe für Symbolismus und Expressionismus mitbringt, wird mit diesem Buch mehr als glücklich sein, wer das alles noch nicht kennt, wird es werden. Hier wird eine Entdeckungsreise eigener Art präsentiert.

 

Im sich verändernden Licht der abendlichen Wohnung verändern sich auch die Gegenstände. Sie werden lebendig. Das ist spannend, lustig, am Ende auch unheimlich. Die Dinge sind keine Bühnenausstattung, sie gehören dazu, sind Teil des Familienlebens, haben ein eigenes Wesen. Und natürlich einen Duft.

 

Innige Verbindung von Text und Bild

Was erzählt wird und was gezeigt wird, gehört in diesem Buch immer zusammen. Was die Familie gemeinsam tut, was die einzelnen Mitglieder tun und denken, Vater, Mutter, die beiden Jungen, immer reagiert Vellutos Nase. Was sie entdeckt, erzählt der Text mit seiner eigenen Poesie. Es hat aber auch Auswirkungen auf die Gegenstände in der Wohnung. Sie bewegen sich, ein Schmetterling flattert aus seinem Bild, Antoine Pesnes Tänzerin beginnt zu tanzen. Nichts davon sieht man direkt, das ist kein Film. Man sieht die Bewegungen über die Schulter, aus den Augenwinkeln, im Vorbeihuschen an der Seite Vellutos oder halb versteckt hinter einer Tür. Andere Veränderungen werden nur im Spiegel sichtbar. Das Buch ist eine Schule der Sinne und eine Liebeserklärung an kunstvolle Gebrauchsgegenstände.

 

Fast jeder davon wird mitsamt seiner Schöpferin oder seinem Schöpfer auf dem Vorsatz vorne und hinten im Buch aufgeführt, alphabetisch. Marinoni, der Illustrator, hat sich augenzwinkernd selbst als ›Romain Antonioni‹, einem Anagramm seines Namens, eingereiht. Das Verzeichnis ist in Schreibschrift gehalten, ein deutlicher Hinweis, dass dieses Buch alles andere als ein ausschließliches Kinderbuch ist. Es ist aufregend, einzigartig, ein wenig unheimlich, wie jeder neue Blick auf eine fremde Welt. Es ist eine Hommage an Design, Kunst, das Auge und die Nase. Und an die Fantasie, die solche Bücher erst möglich macht.

 

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