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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:50

David Wiesner: Art & Max

30.01.2012

Hey, Art, lass uns malen!

Der chaotische Anfänger Max trifft auf Arthur, wirbelt Farben, Formen und Figuren auf und wird schließlich Freund des arrivierten Könners. David Wiesner visualisiert die Möglichkeiten der Kunst und das Wesen des kreativen Prozesses. Witzig, rasant, mitreißend gut. Von MONIKA THEES

 

Stürmisch rennt Max auf Art zu und beinahe das gerade entstehende Porträt einer vornehmen lila Echse um. »Ich kann auch malen, Arthur!«, versichert er und erhält vom grimmig dreinblickenden Meisterkünstler gönnerhaft Farbtopf, Pinsel und Staffelei in die Hand gedrückt. »Was soll ich malen?«, fragt der blutjunge Anfänger und was folgt, ist allein der Zweideutigkeit der Antwort Arts geschuldet. »You could paint me«, heißt es im Original, und Max nimmt es wörtlich: Mit voller Wucht bekleckst der Jungspund den massigen Art mit blauer, dann gelber und roter Farbe. »Ta dam! Was hältst du davon?« Schweigen, Ungläubigkeit, und dann ein Aufschrei: »Das ist ungeheuerlich!«

Eine empörte Echsenschar, die feinsinnigen Ateliergäste des Altmeisters Art, stemmt die Arme in die Hüften. Arts Panzer birst vor Zorn, sein Echsenkörper explodiert und krustige Farbschuppen stieben im rötlichem Staub- und Pigmentregen nach oben, unten, nach links, rechts, in alle Richtungen. Wasserfarbennackt reckt Art die Hände in die Höhe, schlurft zweifelnd-verzweifelt über den Boden, während der einfallsreiche, so gar nicht verlegene Max den riesigen Standventilator herankarrt und die Windmaschine auf maximale full power dreht, sodass die Farbtröpfchen auf Arts nackter Haut wie Sprühnebel in die Landschaft fliegen.

 

Die Tücken der Kunst und kreativer Neubeginn

David Wiesner, 1956 in Bridgewater, New Jersey geboren und Absolvent der Rhode Island School of Design, hat nach Tuesday (1992), The three pigs (2002, dt. Die drei Schweine) und Flotsam (2007, dt. Strandgut) ein neues Meisterbilderbuch geschaffen. Seine skurrilen Echsen mit überlangen Extremitäten und Bedornung bevölkern den visuellen Kosmos der Malerei und erweisen sich als grandiose Protagonisten eines witzig temporeichen, vor Überraschungen, Tücken und Tricks nur so sprühenden Werks. Storytelling, Bildwitz und akkurat gezeichnete Figuren aus dem Fundus der arten- und formenreichen Schuppenkriechtiere demonstrieren auf recht eigenwillige und ganz comicgemäße Art, wie vielfältig, sich stets erneuernd und gegenseitig bereichernd künstlerische Ausdrucks- und Gestaltungsformen sind.

Kunst macht Spaß – und jede Menge Arbeit. Als die Farbe dank eifrig verabreichter Wasser- und Flüssigkeitsmengen von und aus Arts Körper fließt und er nur noch schemenhaft als Kontur die Flucht ergreift, versucht Max ihn festzuhalten. Doch Arts Umrisslinie räufelt sich zum Faden, Arturs Gestalt schwindet zum dürren Bleistiftgestrüpp. Perplex hält Max ein Stück Faden in der Hand, sein Echsenschwanz ringelt sich um die Beine, etwas beschämt starrt der junge Dilettant auf den demontierten Meister. Nur ein kurzes Nachdenken, dann macht es klick – »Okay, auf geht’s!«. Mutig wagt Max den kreativen Neubeginn: experimentiert, probiert, dann der erste krakelige Entwurf, die akkurate Zeichnung, schließlich erhält Arthur Fläche, Raum und Farbe, gewinnt wieder Körperlichkeit dank massiv aus der Staubsaugerdüse geschossenen Farbauftrags.

 

Künstler in Aktion: mit Farbpistole und Impetus

Mit Bildwitz und Spannung zeigt David Wiesner, was Malerei ausmacht, dass Kunst den Impuls braucht als auch den langen Atem des kritischen Prüfens, Abwägens und Könnens. Er selbst nimmt es übrigens sehr und professionell genau. Seinen Figuren liegen dreidimensionale Modelle zugrunde, an denen er jede Bewegung und Geste studiert. Nur so erreichen die Echsen die Lebendigkeit und körperliche Ausdrucksstärke, die sie rein visuell eine Geschichte erzählen lassen, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt, sondern den Betrachter auffordert, genau und mehrmals hinzusehen. Art und Max werden Freunde und gehen gemeinsam ans Werk, mit Farbpünktchen im Stil des Pointillismus auf ihrer Echsenhaut, mit körperlichem Einsatz à la Jackson Pollock und entschlossen zu innovativer Kreation.

Dass dies Spaß macht, das Sehen schult und zudem äußerst lehrreich ist, versteht sich von selbst. David Wiesner ist dreifacher Träger der renommierten, von der American Library Association verliehenen Caldecott Medal für das jährlich jeweils beste picture book for children. Die drei Schweine und Strandgut wurden in Deutschland mit Jugendbuchpreisen bedacht. Art & Max, bereits New York Times Bestseller, begeistert – nicht nur Kinder mit ihrer elementaren Freude an Farbe, Entdeckung und Spiel, auch (etwas ältere) Kenner mit kritisch kunstgeschichtlich geschultem Blick. »Lass uns weitermalen«, fordert der Anfänger und widmet sich akribisch einem Porträt. »In Ordnung, Max«, willigt Art(hur) ein – »Los geht’s!« – und kleckst, ganz komplementär, leuchtendes Rot auf einen grünen Kaktus.

 

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