Fabrizio Silei, Maurizio A. C. Quarello: Der Bus von Rosa Parks
20.02.2012
Autobus mit Geschichte
Der Großvater erzählt von Diskriminierung, Willkür und dem Geheimbund Klu-Klux-Klan. Und von Rosa Parks, die vor über 50 Jahren mutig im Bus sitzen blieb, während er aus Angst versuchte, sie zum Nachgeben und Aufstehen zu bewegen. Von MONIKA THEES
Seit langem hat er es versprochen, und tausendmal hatte Ben gefragt: »Aber was schauen wir uns denn an, Großvater?« »Sei nicht so ungeduldig«, war stets die Antwort. »Du wirst es schon sehen.« Jetzt ist so weit: Großvater und Enkel steigen aus dem Greyhound Cruiser, der Alte ist grauhaarig, der Enkel krausköpfig schwarz, beide sind dunkelhäutig. Sie haben sich auf die lange Fahrt nach Detroit gemacht. Ihr Weg führt zu einem riesigen Gebäude, über der gläsernen Eingangstür steht: The Henry Ford Museum. Autos, nichts als Autos, denkt der Junge. Seit wann ist Großvater ein Autofan? Er hat doch nicht einmal einen Führerschein.
Zwei ganzseitige farbige Bilder, mit scharfen Hell-Dunkel-Kontrasten, im realistischen Stil des US-amerikanischen Chronisten Edward Hopper gemalt, führen in die Geschichte ein. Der Text ist knapp, ganz kindgerecht zunächst aus der Perspektive Bens erzählt. Der etwa acht- bis zehnjährige Junge im rot-weißen T-Shirt folgt seinem Großvater und einem großen, dicken Mann in Uniform. Sie laufen an alten Flugzeugen vorbei, zu einem Saal, in dem ein alter GM Transit Bus steht. »Da ist er«, sagt der Museumswärter. »Beeilt euch, sonst verpasst ihr ihn noch.« Einen Augenblick lang fürchtet Ben, der Bus könne gleich abfahren. Doch es ist nur ein alter Museumsbus. Neben ihm hängt das Porträt einer Frau – Rosa Parks.
Rosas Mut
Fabrizio Silei, 1967 in Florenz geboren und studierter Politikwissenschaftler, greift in seinen Erzählungen und Romanen bevorzugt Themen der Kinder- und Menschenrechte auf. Zusammen mit dem Illustrator und Zeichner Maurizio A. C. Quarello erzählt der 2008 mit dem UNICEF-Literaturpreis ausgezeichnete Autor vom L’ autobus di Rosa, so der Originaltitel des jetzt von Sarah Pasquay ins Deutsche übersetzten Jugendbuches. Der gelb-grün-beigefarbene Bus Nr. 2857 mit der Destination Cleveland Ave schrieb Geschichte – dank Rosa Parks, einer damals 42-jährigen Schneiderin und NAACP-Aktivistin, die sich am 1. Dezember 1955 weigerte, von ihrem für Weiße reservierten Sitzplatz aufzustehen, »weil sie es leid war, immer nachzugeben«.
So steht es in ihrer 1992 erschienenen Autobiografie My Story. Als The Mother of the Civil Rights Movements ging Rosa Parks in die Geschichte ein, als Ikone des zivilen Ungehorsams, deren mutiges »Sitzenbleiben« ein Zeichen setzte. Ihre anschließende Verhaftung führte zur Gründung der Montgomery Improvement Association (MIA) unter Vorsitz Martin Luther Kings, deren Forderungen auf respektvolle Behandlung, gleiche Rechte für alle Fahrgäste und Einstellung schwarzer Busfahrer zielten. Der von der MIA initiierte und von einer breiten Basis getragene, 381 Tage anhaltende Montgomery Bus Boycott verhalf der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zum Durchbruch. 1964 wurden durch den Civil Rights Act alle noch bestehenden Jim-Crow-Gesetze aufgehoben.
Geremys Leid
Die 1876 in den Südstaaten der USA erlassenen Gesetze zementierten über Jahrzehnte die Segregation im öffentlichen Leben. Die Jim Crow Laws, benannt nach Jim, der Krähe, dem aus den Minstrel-Shows übernommenen Stereotyp des singenden, tanzenden, etwas dümmlich zufriedenen Afroamerikaners, bildeten eine Rechtsinstanz, die trotz des späteren Grundsatzes »separate but equal« Willkür, Diskriminierung und menschenunwürdige Ausgrenzung alltäglich machte. »An den Türen vieler Restaurants und Kneipen hingen Schilder mit der Aufschrift WHITES ONLY«, erzählt der Großvater. »Schwarze mussten draußen bleiben.« »So wie heute manchmal die Hunde?«, fragt Ben ungläubig. »Schlimmer.«
Der Großvater berichtet von der Rassentrennung in öffentlichen Bädern, Schulen, Kinos und Theatern – und von Brutalität, Gewalt und Angst. Da ist die Geschichte seines Freundes, der wie er als Gepäckträger am Bahnhof arbeitete. Geremy war fünfzig, hatte ein Glasauge, ein steifes Bein und alle wussten, was mit ihm geschehen war. Als junger Mann hatte er es gewagt, sich gegen die Willkür eines Weißen zur Wehr zu setzen, und wurde von Anhängern des Klu-Klux-Klan hinterrücks mit Stangen und Stöcken blutig niedergeschlagen. Und da war jener kalte Dezemberabend 1955, als der Großvater den Bus Nr. 2857 betrat und ein paar Haltestellen nach ihm auch sie einstieg: Rosa.
Großvaters Angst
Bens Skepsis ist gewichen, gespannt folgt er den Worten des Großvaters. Die ganzseitigen Illustrationen Quadrellos wechseln von anfänglicher Farbigkeit in das scharf konturierte Schwarz-Weiß des historischen Berichts. Angstvoll erstarrt sind die Gesichter der Farbigen im Bus, grimmig empört die der Weißen, sie blicken auf Rosa, die sich trotz wiederholter Aufforderung nicht von ihrem Platz erhebt. Der Bus steht am Straßenrand, fluchend geht der Busfahrer auf Rosa zu. »Besorgt betrachtete ich diese Frau«, erzählt der Großvater. »Madam. Sie müssen aufstehen, sonst bekommen Sie Schwierigkeiten.« Doch ruhig und entschlossen blickt sie ihn an, fast mitleidsvoll, als sehe sie seine Angst. Deutlich spricht sie das entscheidende »Nein«.
Als die Polizei kam, leistete Rosa Parks keinen Widerstand. »Sie legten ihr Handschellen an, wie einer Verbrecherin – und ich tat nichts, gar nichts.« Angst lähmte ihn, nahm ihm die Kraft, eine Frau und ihr Nein zu unterstützen. Erst später und gemeinsam mit anderen fasste der Großvater Mut, er und seine Freunde unterstützten den Montgomery Bus Boycott, gingen zu Fuß zur Arbeit, nutzten das Fahrrad oder eine Mitfahrgelegenheit. Jetzt, nach über 50 Jahren, sitzen Enkel und Großvater im Henry Ford Museum, Ben auf dem Platz, auf dem Rosa einst saß, der Großvater auf dem Platz, von dem er damals aufstand, weil er sich nicht traute, Nein zu sagen. Er entschuldigt sich bei Ben für den fehlenden Mut, beide umarmen sich.
Damit Geschichte nicht museal ergraut, bedarf es lebendiger Erzählungen. Der Bus von Rosa Parks vermittelt altersgerecht und eingebettet in eine humorvoll geschilderte Großvater-Enkel-Beziehung eine Epoche der jüngeren Zeitgeschichte. Er thematisiert Gewalt, Ausgrenzung, Angst und Mut – und schafft im Schlussbild mühelos den Sprung in die Lebenswirklichkeit der Gegenwart: Während Ben im Coffee Shop ein wohlverdientes Eis löffelt, schaut der Großvater auf die Zeitung in seiner Hand. Die Titelseite zeigt, als Bildzitat für entdeckende Leser, Barack Obama, den ersten dunkelhäutigen Präsidenten der Vereinigten Staaten.
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