Chaim Potok: Zebra
23.06.2004
Schicksalsschläge als Kristalisationspunkte
Chaim Potok, der als Chronist jüdisch-amerikanischen Lebens bekannt wurde und im Juli 2002 im Alter von 73 Jahren verstarb, schildert in sechs Geschichten Alltagsdramen, die jungen Amerikanern widerfahren.
Hinter sechs Namen verbergen sich Verletzungen und Schicksale, die es an der Schwelle zum Erwachsenwerden zu bewältigen gilt. Da ist Zebra, der Titelheld, der eigentlich Adam Martin Zebrin heißt, und der nach einem Unfall Probleme mit seiner verkrüppelten Hand hat. Oder B.B., die einem Geheimnis ihres Vaters auf die Spur kommt, das von da an über ihrem Leben lastet. Schicksalsschläge unterschiedlichster Art werden zum Kristallisationspunkt beeindruckender Geschichten, die Mut machen, das Leben trotz aller Widrigkeiten zu meistern. Ob Potok in der Ich-Form die Betroffenen selbst zu Wort kommen lässt und sich in der 3. Person in ihr Befinden einfühlt: stets wirkt er aufrichtig und glaubhaft.
Wie sollen zwei 14jährige Mädchen miteinander umgehen, deren Eltern beide den Partner verloren haben und nun gemeinsam ein neues Glück suchen? Wie wehrt man sich gegen einen Mitschüler, der einem Drogen aufzudrängen versucht? Voller Aktualität sind die Geschichten doch auch alle von der amerikanischen Geschichte geprägt, und nach wie vor spielt der Vietnamkrieg, seine Auswirkungen bis in die heutige Teeangergeneration, eine zentrale Rolle.
Sechs Geschichten, die unter die Haut gehen, meisterhaft komponiert und ungemein spannend zu lesen: mit fast siebzig Jahren hat der große jüdisch-amerikanisch Romancier die Gefühlslage amerikanischer Jugendlicher atmosphärisch dicht nachvollzogen. Jenseits von Bush und Konsorten zeichnet Potok ein Amerikabild, das man sich anschauen sollte.
Andrea Wanner
Chaim Potok: Zebra. Geschichten aus Amerika.
Aus dem Amerikanischen von Birgitt Kollmann.
dtv – Reihe Hanser, Mai 2004. Broschiert, 208 Seiten.
Ab 13. 7,50 Euro.
ISBN: 3-423-62173-7