Andreas Thalmayr: Lyrik nervt!
07.07.2004
Erste Hilfe für gestresste Leser
Thalmayrs kleine Poetologie sollte man allen in die Hand drücken – sie hat das Zeug zum Klassiker.
Welcher Schüler würde diesen Satz nicht sofort voll und ganz unterschreiben? Lyrik nervt! Wie aus der Seele gesprochen erkennt man in dem zornigen Brief einer gewissen Anna Jonas an den längst verstorbenen Dichter Rainer Maria Rilke genau das wieder, was man ihm und seinen – meist ebenso längst verstorbenen Kollegen – längst einmal sagen wollte. „Ich habe mich sehr über Sie ärgern müssen! Sie sind schuld daran, dass ich einen Vierer geschrieben habe.“
Andreas Thalmayr bietet deshalb „Erste Hilfe für gestresste Leser“ an. Wenn man weiß, dass sich hinter Andreas Thalmayr kein anderer als Hans Magnus Enzensberg verbirgt, der eine ganze Menge von Lyrik hält und in seiner Anderen Bibliothek auch schon eine besondere Lyrik-Anthologie für Erwachsene herausgegeben hat, wird man doch stutzig. Da versucht es einer durch die Hintertür, verbündet sich erst mit den gelangweilten, von Lyrik überforderten Kids, um sie dann Schritt für Schritt davon zu überzeugen, dass Gedichte so blöd gar nicht sind.
Raffiniert macht er das. Da wirft er der johlenden Meute Drittklassiges zum Fraß vor, um zu beweisen, wie Gedichte gründlich daneben gehen können. Und gleichzeitig präsentiert er unübertroffene Klassiker und lässt sie – beinahe – für sich selbst sprechen. Jambus, Trochäus, Daktylus und Anapäst? Keck behauptet Thalmayr, auf diese Begriffe könne man getrost verzichten. Aber nicht auf den Rhythmus, der sich dahinter verbirgt. „Tanzstunde“ nennt der dieses Kapitel, und es sagt viel über den geschickten Trick, mit dem er junge Leser zum Zuhören bringt.
Pablo Nerudas Ode an seine Socken dient als Beweis dafür, dass man alles zum Thema eines Gedichts machen kann und Benns Kleine Aster finden wir im Kapitel „Freistil“. „Kannitverstan“ beruhigt endlich alle, die ein Gedicht noch nie kapiert haben: Manchmal gibt es gar nichts zu verstehen!
Locker plaudert Thalmayr über Lyrik, erzählt all das, was einem Lehrer auch schon immer beizubringen versuchten und arbeitet dabei (wie ein Lehrer?) mit roter Farbe für die Originaltexte, was schon rein optisch ein Anreiz ist. Am Ende schlägt er gar vor, es selbst einmal mit Dichten zu versuchen. Gedichte? Dazu gehören auch Abzählverse, Werbeslogans und Dylan-Songs. Wer das weiß, reagiert vielleicht auf den Begriff Lyrik schon gar nicht mehr so allergisch. Thalmayrs kleine Poetologie sollte man allen in die Hand drücken – sie hat das Zeug zum Klassiker.
Andrea Wanner
Andreas Thalmayr: Lyrik nervt.
Erste Hilfe für gestresste Leser.
Hanser 2004. Hardcover. 118 Seiten.
Ab 12 Jahren. 12,90 Euro.
ISBN: 3-446-20448-2