Frank Cottrell Boyce: Millionen / Ab 11
22.07.2004
Macht Geld glücklich?
Ein tolles Jugendbuch versucht eine überraschende Antwort.
Wer hat nicht schon einmal davon geträumt, reich zu sein? Für die beiden Brüder Damian und Anthony, Fünft- und Sechstklässler, erfüllt sich der Traum vom unverhofften Geldsegen auf höchst merkwürdige Weise. Damian erzählt ihre Geschichte vom plötzlichen Reichtum und legt dabei sehr persönliche Schwerpunkte, die mit seinem Hobby zu tun haben. Sein Zeitvertreib ist nicht nur für ein Kind in diesem Alter ungewöhnlich, sondern in der ausgeprägten Form, in der Form in der Damian es betreibt, schon fast ein bisschen befremdlich: Damian interessiert sich für Heilige. Er sammelt Wissen, weiß, wer für was zuständig ist und hat im Verlauf der Geschichte auch persönliche Begegnungen mit längst verstorbenen Heiligen. Deshalb ist ihm auch sofort klar, als aus einem fahrenden Zug eine Tasche voller Geld fliegt, dass es sich dabei um ein Geschenk Gottes handeln muss.
Sein um ein Jahr älterer Bruder Anthony ist weit pragmatischer, interessiert sich für Immobilien und erkennt auch sofort die wahre Herkunft des Geldes: im Zuge der Euroumstellung wird das alte Geld vernichtet. Eine Verbrecherbande hat es auf so einen Entsorgungszug abgesehen und was Damian gefunden hat, ist nichts anderes als ein Teil der Beute. Ein nicht unbeachtlicher Teil, immerhin 229370 Pfund Sterling.
Was macht man mit dem Geld? Ein Problem liegt darin, dass es noch genau 17 Tage gültig ist und bis dahin ausgegeben sein muss. Große Ausgaben – eine Immobilie erwerben oder ein Auto kaufen – sind Kindern verwehrt. Aber nur in der Spielzeugabteilung wird man so viel Knete in zweieinhalb Wochen nicht los. Die zwei Brüder bekommen schnell die Last des Geldes zu spüren.
Frank Cottrell Boyce jagt uns durch eine atemberaubende Story, die alles hat: Gefühle, Spannung, philosophische Überlegungen, alltägliches Chaos und viel Witz. Die Hilfskonstruktion, dass in England die Währung auf Euro umgestellt wird, ist vielleicht ein bisschen verwirrend, denn so weit ist man dort noch nicht. Sonst sind die Pläne und Aktionen der beiden Brüder, die ihre Mutter verloren haben und den Vater nicht mit ihren Sorgen belasten wollen, rührend und komisch zugleich. Die Macht des Geldes bekommen alle zu spüren, die mit dem geschäftstüchtigen Anthony und dem spendenfreudigen Damian in Berührung kommen. Macht Geld glücklich? Oder unglücklich? Ein tolles Jugendbuch versucht eine überraschende Antwort.
Andrea Wanner
Frank Cottrell Boyce: Millionen
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Ab 11 Jahren.
Carlsen 2004.
254 Seiten. 14 Euro.
ISBN: 3-551-55339-4