Aber wer sich zu allem im Leben so viele Gedanken macht wie Espen Herbert, bei dem kann es eigentlich gar nicht ausbleiben, dass die ganze Welt auf ihn aufmerksam wird. Espen ist fast zwölf und eigentlich gibt es nichts, was ihn nicht interessiert. Vor allem gehört er zu der Sorte Menschen, die alles, was passiert, irgendwie auf sich selbst beziehen. In einem Wort: Espen ist eine Katastrophe, eine liebenswerte, ungeheuer unternehmungslustige Katastrophe, was in den meisten Fällen zu Hausarrest führt. Dabei ist er eigentlich fast immer auch ir-gendwie unschuldig. Viel von seinem Wissen holt sich Espen aus Büchern. Aber wer seine Benimmregeln einem bereits 1952 erschienen Ratgeber "Der junge Edelmann" entnimmt, ist wahrscheinlich nicht mehr ganz up to date. Und wenn so ein junger Mann in einem me-dizinischen Ratgeber mit dem Titel "Sechsundsechzig Krankheiten und ihre Symptome" schmökert, ist der Weg zum eingebildeten Kranken vorprogrammiert.
"Ich heiße Doktor Grüber", sagte der Arzt und streckte mir die Hand hin. Er sprach irgend-wie merkwürdig, es hörte sich fast so an, als würde er sagen: "Isch haise Dokkter Grübär."
"Sind Sie aus Polen?" fragte ich.
"Aus Deutschland", antwortete er.
"Wo tut es dir denn weh?"
Ich zeigte auf den Bauch. Das müsste ein Arzt doch wissen. Wenn jemand einen Arzt ruft, weil er Bauchschmerzen hat, dann tut es ihm nicht im Kopf oder in den Zehen weh. Sondern im Bauch!
"Da tut es weh", sagte ich und zeigte auf meinen Bauch.
"Hm", sagte Doktor Grüber und betastete meinen Bauch.
Vielleicht glaubte er selbst fühlen zu können, dass es wehtat, indem er auf die Außenseite meines Bauchs drückte. "Hm", sagte er noch einmal und holte so ein Dingsbums raus, mit dem die Ärzte die Leute abhorchen. (Stethoskop heißt das, das habe ich in meinem Buch nachgeguckt.)
"Das kann ein Katarrh sein", sagte er zu Mama und Papa. "Oder eine Darmverschlingung." "Oder aber Dysmenorrhö", sagte ich. "Was?", fragte Doktor Grüber. (Er heißt mit Vornamen Günther. Ich habe es im Telefonbuch nachgeschlagen.) "Was sagst du da?" "Dass es eine Dysmenorrhö sein kann", wiederholte ich.
"Ach wirklich?" Dann fragte er: "Wie heißt das Ärztebuch, das du in deinem Zimmer hast?"
Woher konnte er denn wissen, dass ich in meinem Zimmer ein Ärztebuch hatte?
Zum Glück hat Espen all diese skurrilen Begebenheiten aufgeschrieben - entstanden ist ein ungeheuer schräges, witziges Tagebuch, ausgedacht von Björn Ingvaldsen und munter bebildert von Volker Fredrich. Espen Herberts Aufzeichnungen sind unbedingt lesenswert und am Ende kann er es selbst kaum fassen: Ich bin berühmt!
Von Andrea Wanner
Björn Ingvaldsen: Ich bin berühmt.
Espen Herberts Aufzeichnungen. Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt. Illustriert von Volker Fredrich. Sauerländer 2003. Gebunden. 64 Seiten. Ab 10 Jahren. 12,90 Euro. ISBN: 3-7941-6013-4