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Freitag, 25. Mai 2012 | 20:57

 

Kirsten Boie: Monis Jahr / ab 12

16.02.2004

 


Silvester 1954. Für Moni und ihren Freund Harald beginnt der Silvesterabend mit dem in Hamburg üblichen "Rummelpott laufen": die Kinder klingeln an den Haus- und Wohnungstüren, sagen einen Spruch auf und bekommen dafür Süßigkeiten.



 

Dann wird gefeiert: Moni, ihre Mutter und deren Freundin Jenny und die Oma. Monis Vater fehlt. Er ist vermisst, ist aus dem Krieg nicht heimgekommen. Noch nicht, meint die Oma. Nie mehr, davon ist Monis Mutter im Grunde ihres Herzens überzeugt. Mitternacht. Anstoßen mit einem Glas Bowle auf das Jahr 1955, auf Monis Jahr. Für die zehnjährige Moni, die in bescheidenen Verhältnissen lebt, soll das ein wichtiges Jahr werden: als erste in der Familie soll sie die Oberschule besuchen. Neue Anforderungen, neue Klassenkameraden, Moni weiß nicht, ob sie das wirklich schaffen kann. Das fängt schon damit an, das Moni eigentlich gar nicht die richtigen Kleider hat.

Moni geht zum Ausguss und guckt in den Spiegel, aber da sieht sie nur ihr Gesicht mit den Affenschaukeln und der Tolle oben auf dem Kopf, die Oma ihr immer macht, wenn Moni schön aussehen soll. Und den Kragen sieht sie da auch noch, den Kragen von der weißen Bluse, die sie für diese Woche extra von der Tochter von Mutti Arbeitskollegin ausgeliehen hat. Wer weiß, was da für Leute sind, hat Oma gesagt. Bestimmt sind die etepetete. Lauter Vornehme an der höheren Schule. Da soll unsere Deern nicht gleich schlecht auffallen.

Den Schottenrock hatte Moni aber selber, Oma hat ihn noch umgenäht. Im letzten Jahr hat Moni den von Ingrid geerbt, das ist ihre Cousine und schon vier Jahre älter. Darum sind die Sachen such immer viel zu groß, wenn Moni sie erbt. Aber der Schottenrock geht. "Schmuck süchst du ut", sagt Oma zufrieden. "So richtig as 'n högere Dochter."

1955 ist ein wichtiges Jahr in Deutschland. Das Land erhält wieder seine volle Souveränität, Adenauer erreicht, dass Russland zehn Jahre nach dem Krieg endlich alle Kriegsgefangenen freilässt, mit der Wirtschaft geht es weiter aufwärts. 1955 ist auch ein wichtiges Jahr für Monis Familie. Moni schafft die Aufnahmeprüfung, die Familie ihres Freunds Harald wandert nach Australien aus, Monis Mutter verliebt sich in einen anderen Mann und will mit ihm zusammenziehen.

Kirsten Boie präsentiert ein Stück Nachkriegsgeschichte. Unspektakulär, voll kleiner, historischer Details. Im Kino schaut man "Rosenresli", "Das fliegende Klassenzimmer" und "Immenhof", Thomas Mann liest "Tonio Kröger" im Radio, in den Kneipen scharen sich die Leute um die Fernsehapparate, beim Eiermann kauft Oma am Monatsanfang immer noch ein Stückchen leckere Mettwurst dazu und Moni träumt von Rollschuhen mit Gummirädern. Manche Träume werden wahr, manche Wünsche bleiben unerfüllt und neben schönen Erlebnissen gibt es auch Enttäuschungen. Ein Stück deutscher Geschichte, warmherzig und interessant erzählt.

Von Andrea Wanner


Kirsten Boie: Monis Jahr
Oetinger 2003. Gebunden. 256 Seiten. Ab 12 Jahren. 12 Euro. ISBN: 3-7891-3153-9

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