I. Pin: Wenn ich groß bin, werde ich Nobelpreisträger. (ab 5)
27.10.2005
Visionen eines zukünftigen Friedensnobelpreisträgers
Zum 104. Mal werden in diesem Jahr in Stockholm und Oslo die Nobelpreise vergeben: für jeden Ausgezeichneten eine Erhebung in den wissenschaftlichen oder literarischen Adelsstand. Den Physik-Nobelpreis teilt sich der deutsche Physiker Theodor Hänsch mit den US-Forschern Roy Glauber und John Hall und den Literaturnobelpreis gewinnt Harold Pinter. Dieses Jahr. Für die Zukunft hat sich ein kleiner Junge dieses hohe Ziel gesetzt.
„Wenn ich groß bin, werde ich meine Nächsten lieben.“ Wer da so edel und friedfertig denkt, lümmelt momentan noch im Cowboydress auf dem Bett, unter dem Kopfkissen blitzt der Revolver hervor und unter dem Bett liegt gefesselt der Feind, vermutlich die jüngere Schwester. Der Kleine, der sich als künftiger Friedensstifter sieht, zofft sich voller Leidenschaft mit den Klassenkameraden und zeigt noch so gar nicht das Verhältnis zu Mitmenschen, Tieren, Natur und Umwelt, auf das er später einmal so stolz sein möchte.
Kontrastiv setzt Isabel kurze, prägnante Friedensparolen neben Szenen aus dem Alltag eines Jungen, auf denen er genau das Gegenteil von dem tut, was er propagiert. Er ist ein ganz normaler Junge, der eben alten Damen die schweren Einkaufstüten nicht abnimmt und sein Pausenbrot nicht mit einem Kind teilt, das weniger hat. Weite Räume mit Bühnencharakter bilden den Hintergrund für unseren Helden. Wir können ihn ganz genau beobachten. Wenig Worte, spärliche Bilder: die Wirkung ist umso intensiver und kleine ironische Details – Picassos Friedenstaube an der Wand, während nebenher wenig tierliebe Experimente gestartet werden – erhöhen den Reiz der Geschichte. Mut, Stärke und Zivilcourage sind hehre Ziele. Sogar im Alltag eines Schülers wären sie umsetzbar. Lakonisch wird hier erzählt, dass das Leben halt nicht so einfach ist. Wer tut schon immer das, was er sich vornimmt? Der zukünftige Friedensnobelpreisträger, der Visionen von weltweiten Ovationen hat, erkennt am Ende wenigstens: „Es gibt so viel zu tun. Ich sollte gleich anfangen.“ Und das tut er dann auch, indem er eine Schere holt: die kleine Schwester liegt nämlich noch immer gefesselt unterm Bett.
Wir werden ihn im Auge behalten. Vielleicht finden wir ihn tatsächlich eines Tages unter den Preisträgern.
Andrea Wanner
Isabel Pin: Wenn ich groß bin, werde ich Nobelpreisträger.
Hanser 2005.
Gebunden. 24 Seiten. 12,90 Euro.
ab 5 Jahren.
ISBN 3-446-20634-5