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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:03

 

Ian Ogilvy: Miesel und der Kakerlakenzauber. (ab 11)

26.01.2006

Miniaturhorrorland

Das Schicksal des armen Oliver Twist mag einem Tränen in die Augen getrieben haben – verglichen mit dem, was der Waisenknabe Miesel erleben muss, war es ein Honigschlecken. Ähnlich mager, ständig hungrig und verdreckt hat auch Miesel seine Heimat in England. Aber er befindet sich nicht in der Abhängigkeit handfester Gauner sondern schlimmer: in der eines oberfiesen Hexers.

 

Mit leichter Hand und triefend vor englischem Humor entwirft Ian Ogilvy ein Gruselszenarium erster Güte. Ein zwölfeinhalbjähriger Junge, der von seinem Vormund, einer düsteren, unheimlichen Erscheinung unter unmenschlichen Bedingungen schlimmer als ein Tier gehalten wird, träumt davon, einmal mit der riesigen Modelleisenbahn auf dem Dachboden zu spielen. So wunderbar detailgetreu ist die riesengroße Anlage, bestückt mit interessanten Gebäuden und den naturnahesten winzigen Figuren, die man sich nur vorstellen kann. Eine Stunde oder auch nur eine halbe muss er sich diesen Traum gönnen. Er trickst Basil Trampelbone aus, wohl ahnend, dass die Geschichte für ihn Folgen haben wird. Nur wie entsetzlich seine Bestrafung ausfällt, hätte er sich in seinen schrecklichsten Träumen nicht vorstellen können. Der boshafte Zauberer lässt den verstörten Jungen auf die Größe der Eisenbahnfiguren schrumpfen und Miesel macht eine fürchterliche Entdeckung: es gibt tatsächlich Plastikpüppchen auf der Anlage, aber die Modelleinsenbahn beherbergt auch Menschen wie ihn, von Trampelbone in einem Moment der Wut auf Miniaturformat gebracht. Das Schicksal, das ihnen allen droht, scheint unausweichlich: entweder sie verhungern oder sie ernähren sich von Trampelbones Essensresten und erstarren zu Kunststoff oder sie werden bei Nacht von einer Monsterfeldermaus gefressen. Keine rosigen Aussichten, aber Miesel, der unscheinbare Junge wächst über sich selbst hinaus. Wagemutige Pläne machen aus dem schüchternen, konfliktscheuen Winzling einen wahren Helden.

Was sich auf dem begrenzten Areal einer Modelleisenbahn abspielt, ist ein schaurig-schönes Leseabenteuer. Über die Seiten des giftgrünen Buches krabbeln Kakerlaken und zimperlich sollte man nicht sein, wenn man miterleben will, wie eine Gruppe von hilflosen Opfern zu wahrer Größe findet und es sich zeigt, dass mit Zauberei alleine auch nicht alles zu machen ist.

Andrea Wanner


Ian Ogilvy: Miesel und der Kakerlakenzauber.
Aus dem Englischen von Cornelia Krutz-Arnold
Ravensburger Buchverlag 2005.
Gebunden. 224 Seiten. 12,95 Euro.
Ab 11 Jahren.
ISBN 3-473-34471-0

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