Faïza Guène: Paradiesische Aussichten. (ab 14)
04.05.2006
Blick hinter die Kulissen
Der „heiße Herbst“ in Frankreich hat das Land in Unruhe versetzt. Nicht nur 9267 zerstörte Autos und 2832 damit in Zusammenhang stehende Festnahmen in den von Migranten bewohnten französischen Vorstädten haben in unserem Nachbarland die längst fällige Diskussion über Integration und Chancengleichheit in Gang gebracht.
Kein Wunder, dass dem Erstlingsroman der 20jährigen Faïza Guène, in Frankreich geborene Tochter einer algerischen Einwandererfamilie, ungeheueres Interesse entgegengebracht wird – dass er es zum Bestseller schaffte, verdankt er dem weitgehenden Verzicht auf Klischees.
Die Aussichten von Doria, der 15jährigen Heldin sind alles andere als rosig. Der ständig betrunkene Vater hat sie und ihre Mutter verlassen und ist nach Marokko zurückgekehrt, um mit einer „fruchtbareren“ Frau ein neues Leben zu beginnen. Mit ihrer Mutter lebt die Ich-Erzählerin von Sozialhilfe – der Hungerlohn der Mutter als Zimmermädchen reicht hinten und vorne nicht. Und Doria erzählt vom Leben in der „Citè du Paradis“, jenem Stadtteil mit vorwiegend arabisch-stämmigen Familien, der so wenig vom Paradies an sich hat.
Egal ob es die montäglichen Therapiesitzungen bei Madame Burlaud, die Doria wegen ihrer Depressionen besuchen muss sind, die Misserfolge in der Schule oder die schäbigen Klamotten, mit denen sie die Aufmerksamkeit gleichaltriger Mädchen erregt: ohne Humor sind die Schilderungen nie! Wut und Verzweiflung gewinnen nie die Überhand, sondern irgendwie kriegt das Mädchen immer noch die Kurve, findet einen Grund, warum das Leben trotzdem in Ordnung ist.
Talk im Treppenhaus mit Hamoudi, der sein Geld mit kleinen Jobs und Gaunereien verdient und Rimbaud zitiert, oder der Alphabetisierungs- und Sprachkurs, der die Mutter endlich selbstbewusster macht, sind kleine Highlights im Leben eine Mädchens, das sich nicht unterkriegen lässt. Faïza Guène schildert das Leben in der Pariser Banlieu aus der Sicht einer 15jährigen authentisch und unsentimental – und erregte damit zu Recht Aufmerksamkeit.
Mit Witz und Ironie ändert man die Welt nicht, aber man kann auf Dinge aufmerksam machen. Sogar nicht ganz ernst gemeinte Überlegungen wie Dorias politische Pläne – „Von der Friseurlehre zur Präsidentschaftswahl ist es nur ein kleiner Schritt“ – die sie vor allem wegen der hübschen, griffigen Sätze liebt, rücken wenn nicht in den Bereich des Machbaren, so doch in den Bereich des Formulierbaren. Und „Miese Aussichten“, die die jungen Menschen in den Banlieus sicher haben, tragen in sich das Potential zu „Paradiesischen Aussichten“. Zumindest wenn es nach Faïza Guène und ihrer sympathischen Heldin Doria geht.
Andrea Wanner
Faïza Guène: Paradiesische Aussichten.
Aus dem Französischen von Anja Nattefort.
Carlsen 2006.
Broschiert. 144 Seiten. 12 Euro.
Ab 14 Jahren.
ISBN 3-551-58154-9