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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:05

 

Edward van de Vendel: Anna Maria Sofia und der kleine Wim. (ab 4)

01.06.2006

Rollentausch

Wenn zwei Menschen miteinander unterwegs sind – ein ziemlicher alter Mensch und ein ganz junger Mensch – ist normalerweise klar, wer auf wen aufpasst. Im Fall von Anna Maria Sofia und dem kleinen Wim liegt die Sache anders.

 

Wim ist ein kleiner Junge und auf seinem Kettcar begleitet er den Spaziergang der alten Anna Maria Sofia. Das ungleiche Paar, er Motorengeräusche nachahmend, sie summend, wirkt auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich. Stutzig wird man erst, als Anna Maria Sofia etwas sagt. „Keksdose“ äußerst sie beim Anblick des dicken Bauchs einer schwangeren jungen Frau. „Nein“, sagt Wim und erklärt ihr, was es mit dem Buch auf sich hat. So führt sie ihr Spaziergang Station um Station weiter. Anna Maria Sofia beobachtet Situationen, sagt etwas dazu, Wim korrigiert sie und drängt behutsam weiter. Sie sehen ein knutschendes Paar auf einer Parkbank, spielende Kinder am Teich und auf der Rutsche. „Dingdong“, „Bild“ und „Schuh“ meint Anna Maria Sofia dazu. Wim scheint sich im Leben seiner älteren Freundin gut auszukennen, denn Stück für Stück bietet er ihr zu den unpassenden Wörtern die richtigen Erinnerungen aus ihrem Leben an: Anna Maria Sofia selbst als küssende junge Frau, als glückliche Mutter. Auf dem Friedhof schließlich, am Grab ihres Kindes, bleiben beide still. Aber auch hier weiß Wim, wie er das Ganze wieder in den Griff bekommt: „Und jetzt zu Henk“ muntert er Anna Maria Sofia auf. „Henk“ ist das einzige Wort, das die alte Frau noch richtig verwendet und Henk ist ihr Mann, der auf die beiden schon gutgelaunt wartet.
Flächige Linolschnitte in gedämpften Farben, die in ihrer Schlichtheit und Naivität voller Ausdruck stecken, begleiten eine leise Geschichte, die junge Betrachter fordert und viele Fragen stellt.

An keiner Stelle dieses außergewöhnlichen Bilderbuchs ist von Krankheit die Rede. Ob Anna Maria Sofia an Alzheimer oder einer anderen Demenz-Erkrankung leidet, ob der Verlust des eigenen Kindes schuld daran ist, dass ihre Gehirn- und Gedächtnisleistung nicht mehr richtig funktioniert, weiß man nicht. Wie ein kleiner Junge damit umgeht, ist bewundernswert einfühlsam, ebenso wie einen die liebevolle Zärtlichkeit des alten Mannes rührt. Und es ist tröstlich zu sehen, dass auch die alte Frau diese Zuneigung der beiden spürt und erwidert.

Andrea Wanner


Edward van de Vendel: Anna Maria Sofia und der kleine Wim.
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf.
Carlsen 2006.
Gebunden. 38 Seiten. 13 Euro.
Ab 4 Jahren.
ISBN 3-551-51655-3

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