Guus Kuijer: Ein himmlischer Platz (ab 10 Jahren)
29.03.2007
Verirren ist menschlich!
Seit dem Tag, an dem ein kleiner Spatz auf Florians rothaarigen Schopf geflogen ist, glaubt Florian, sich verirrt zu haben – nicht in den Straßen seiner Stadt. Diese sind eindeutig mit Namen gekennzeichnet. Sie heißen Kopernikusstraße, Albert-Einstein-Straße, Sigmund-Freud-Straße ... Nein, er findet sich in der „Wüste des Lebens“ nicht mehr zurecht: Da gibt es unsichtbare Wege, die man sehen muss.
So wie Abdul, der Beduinenjunge, der sich in der Wüste nicht verirren kann, weil er die Gefahr riecht und die Sterne versteht. Aber woran orientiert sich Florian, wenn ihm tausende Gedanken durch den Kopf schwirren, die ihm im alltäglichen Leben einfallen und die ihn durcheinander bringen?
Doch beginnen wir am Anfang! Florian ist ein intelligenter zehnjähriger Junge, der viel liest, seine Umwelt sehr genau beobachtet und sich Fragen stellt, zu deren Beantwortung er ab und zu auch seine Eltern hinzuzieht. Er hatte „tiefere Gedanken“ als andere und weil der Spatz das wusste, hat er sich auf Florians Kopf gesetzt. Spatz Nico führt ihn auch zu Frau Raaphorst, einer offenbar an Alzheimer erkrankten alten Dame. Gemeinsam mit der großen Katja, die in die Fünfte geht und ihm plötzlich eine Liebeserklärung macht, helfen sie der alten verwirrten Frau, dafür schwänzen sie sogar die Schule.
Doch wie sich herausstellt, sind all die Dinge, die auf einmal geschehen, nicht so leicht zu bewältigen: Was soll Florian Katja auf ihre Frage, ob er mit ihr gehen will, antworten? Was macht er mit den rosaroten Elefanten, die ein Kribbeln in seinem Bauch verursachen? Wohin mit seinen ängstlichen Gefühlen, wenn die Lehrerin wütend auf ihn ist? Wie kann er Oma Raaphorst helfen, ohne die Schule schwänzen zu müssen?
In den Gesprächen mit seinen Eltern fühlt Florian sich nicht ernst genommen. Wenn er nach dem Sinn bestimmter Worte fragt, erhält er ironische Antworten. Traurig schreibt er einen weiteren geheimen Gedanken in sein Heft: „Wir reden, aber verstehen einander nicht.“ Er spricht ihn nicht aus, weil er nicht möchte, dass seine Eltern sich wegen ihm streiten.
Um seine Gedanken im Kopf besser sortieren zu können, fertigt er Listen an: eine Liste mit schlimmen Sachen, eine Liste mit richtigen Fragen und eine Liste mit verkehrten Dingen.
Bis Florian Abdul, dem Beduinenjungen, begegnet und ihn durch die Straßen seiner Stadt führen kann, muss er sich in seinem eigenen Leben zurechtfinden – auch ohne Spatz auf dem Kopf. Ob ihm das gelingen wird?
Guus Kuijer gelingt eine wunderbare Geschichte, die die Leser in die Gedanken- und Gefühlswelt eines zehnjährigen Jungen entführt, der versucht, sich sowohl an den Koordinaten des realen Lebens, als auch an denen seiner Traumwelt zu orientieren. Irgendwo im Zentrum dieses Koordinatensystems liegt „Der himmlische Platz“, ein chinesisches Restaurant. Von hier aus kann man sich nicht verirren, auch wenn man ins Träumen kommt. Man muss nur mit Hilfe des Verstandes seinem Gefühl folgen...
Gabi Schulze
Guus Kuijer: Ein himmlischer Platz
Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister
Verlag Friedrich Oetinger 2007
Gebunden. 111 Seiten. 9,90 ¤
Ab 10 Jahren
ISBN 3-7891-4029-7