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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:11

 

Graham Joyce: Frontal (ab 14)

25.04.2007

Mach dir dein Essen selbst!
Matt ist ein cooler Junge, der nach außen hin gern provoziert, freche Sprüche klopft und spöttische Kommentare abgibt. Die Schule ist ihm egal und mit seinen Eltern führt er schon lange kein vertrautes Gespräch mehr. Er spielt gern Gravity Drop und interessiert sich für hübsche Mädchen, die erotische Fantasien in ihm wecken. Doch über seine Gefühle redet er mit keinem – bis auf einen, seinen toten Bruder Jake. Seit dem Unfall erscheint er Matt immer wieder als Geist und mischt sich in sein Leben ein ...

 

Jake war der „absolute Meister, der unbestrittene Kronprinz der Autodiebe“. Er bringt seinem Bruder bei, wie man in kürzester Zeit die schnellsten Autos knackt. Auf ihren Spritztouren jagen sie mit Höchstgeschwindigkeit durch die Gegend und haben ihren Nervenkitzel dabei.
Doch seit Matts Unfall, bei dem Jakes Freundin schwere Verbrennungen erlitt, plagen ihn Schuldgefühle. Er weckt schweißgebadet von Tagträumen auf, in denen sein Bruder in den unterschiedlichsten Verkleidungen erscheint und mit ihm spricht, ihn verhöhnt, ihn provoziert.

Graham Joyce, der durch seine Fantasy-Romane bekannt geworden ist, lässt auch in dieser Geschichte einen Teil der Handlung durch die Geistererscheinung des Bruders fantastisch werden. Er erzählt aus der Perspektive des 16-jährigen Matt, der sich in den Rückblenden an seinen tragischen Unfall erinnert. Nach und nach erfährt der Leser in allen Einzelheiten, was an dem Abend vorgefallen ist, wie es zum Autoklau und der Spritztour in den Tunnel kam und wie sie von der Polizei entdeckt wurden und der Fluchtversuch missglückte.
In einem Punkt ist der Leser den im Roman agierenden Personen voraus: Während er von Beginn an Einblick in die Gedankenwelt Matts erhält, offenbart sich den Mitmenschen Matts Psyche erst im Laufe der Handlung, die immer wieder von seinen Rückblenden und Tagträumen unterbrochen wird.
Im zweiten Teil des Buches – Matt wird von der Bewährungshilfe in ein Camp geschickt – verlieren sich die Rückblenden und Jake besucht seinen Bruder immer seltener als Geist. In den Gesprächen mit Amy und Gilbert, einer Brandstifterin und einem Sprayer, die sich ebenfalls im Camp bewähren sollen, beginnt Matt über sich nachzudenken. Die drei Außenseiter sind aufeinander angewiesen. Sie erfahren nicht nur in den täglichen Gruppensitzungen, sondern auch während der nächtlichen, illegal stattfindenden Treffen mehr voneinander und aus der anfänglichen Ignoranz entwickeln sie Neugier am Leben des jeweils anderen.
Immer weniger kann Matt seine nach außen hin coole Art aufrecht halten, immer öfter gerät er in Situationen, in denen er seine eigenen Gefühle erkennt, auch wenn er noch einige Zeit braucht, diese anderen Menschen gegenüber zu äußern. Amy zum Beispiel, dem Mädchen mit dem Irokesenschnitt, der Terrorlocke, dem Sensenkopf – seit dem Höhlenklettern weiß er, dass er sie liebt.
Sein größtes seelisches Problem, die Schuld am Unfall zu haben, weist er immer wieder von sich, darüber will er nicht reden. Als er von Pete, einem Bewährungshelfer im Camp, in die Enge getrieben wird, beschließt er zu fliehen.
Matt fährt ein zweites Mal zum Tunnel. Er will seinem toten Bruder beweisen, dass er kein Versager ist. Doch hat er die Rechnung ohne Amy und Gil gemacht ...

Joyce porträtiert den Charakter seines Ich-Erzählers äußerst interessant und facettenreich.
Von Schuldgefühlen ergriffen und den Verlust des Bruders nicht verkraftend erkennt Matt erst nach und nach, dass er sich mit seiner Version vom Unfall selbst belügt. Glaubte der Leser von Beginn an Matts Reflexionen, müssen ihn im Laufe der Handlung Zweifel kommen. Mit diesem Trick gelingt es Joyce, seinen Stoff bis zur Lösung Matts psychischen Konflikts packend und spannend aufzurollen.
Was der 16-jährige Ich-Erzähler reflektiert, klingt authentisch und aufrichtig, weil Joyce die Sprache und den Stil Jugendlicher sehr gut getroffen hat. Dazu gehört auch die Art und Weise, wie der Autor Matt mit seiner eigenen Sexualität umgehen lässt. Innerlich erregt ihn das Knistern der Strumpfhosen seiner Bewährungshelferin und er fragt sich, warum sie sich nicht die Beine rasiert. Nach außen hin traut er sich nicht, die schöne Debbie aus seiner Klasse anzusprechen.
Weniger überzeugend und eher fadenscheinig wirkt das Ende des Buches: Matt wird als „geläuterter“ junger Mensch beschrieben, der mit der Schuld an den Folgen des Unfalls leben muss .

„Mach dir dein Essen selbst“ – so lautet - in Anspielung auf des miserable Essen - Matts Fazit am Ende des Camps. Später merkt er, dass sein provokanter Witz doch gar kein so schlechter Wahlspruch für ihn ist: Er selbst bestimmt jetzt, was geschieht. Jake hat endlich aufgehört, sich in sein Leben einzumischen.

Gabi Schulze


Graham Joyce: Frontal
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M., 2007
Taschenbuch. 252 Seiten. 8,00 ¤
Ab 14 Jahren
ISBN 3-596-80672-0


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