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Freitag, 25. Mai 2012 | 21:16

 

Michael Gerard Bauer: Nennt mich nicht Ismael (ab 12)

28.02.2008

Das Ismal-Leseur-Syndrom

Kinder können wegen vielerlei Dingen von ihren Mitschülern gehänselt werden. Rote Haare gehören dazu, komische Klamotten oder Übergewicht. Alles nichts im Gegensatz zu seinem Problem, findet der 14jährige Ich-Erzähler und fleht: „Nennt mich nicht Ismael!“

 

„Call me Ishmael“ lautet einer der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur mit denen ein Matrose die unvergessene Jagd auf den weißen Wal schildert. Auch Ismaels Eltern kennen Melvilles Moby Dick und die Geschichte, wie ihr erster Sohn zu seinem Namen kam, gehört zu den unerträglichen Anekdoten, unter denen Ismael leidet. Aber er geht noch einen Schritt weiter, nennt sein Problem eine Krankheit. Die unsäglich unglückliche Kombination von Vor- und Nachnamen führt zum („soweit ich weiß weltweit einzige schriftlich belegte Fall“) von „Ismael-Leseur-Syndrom.“

Worin sich diese Krankheit - „Heilung ausgeschlossen“ - äußert, erfährt der Leser in fünf Teilen, in denen er den Schulalltag der 9. Klasse im St Daniel’s Boy College kennenlernt und all die merkwürdigen Typen trifft, die so oder so ähnlich wohl alle Schulen der Welt bevölkern. Der mobbende Fiesling in Ismaels Fall ist der üble Barry Bagsley, der nach der Frage „Ismael? Was ist denn das für ein scheißblöder Name?“ ein weiteres Opfer gefunden hat.

Und dann treten die wahren Helden der Geschichte auf: Miss Tarango, eine verblüffend kluge Lehrerin, die Zusammenhänge erkennt. James Scobie, ein neuer Mitschüler, der auf den ersten Blick bedauernswert wirkt, aber über ein erstaunliches Geheimnis verfügt: er kennt keine Angst. Ignatius Prindabel, Orazio Zorzotto und Bill Kingsley – wahrlich keine Supermänner. Aber der erste Eindruck kann ja bekanntlich täuschen.

Was im Laufe dieses Schuljahres passiert, erzählt Ismael mit so viel Witz, ironischer Distanz und gekonnt beschriebenen Slapstickeinlagen, dass man den Ernst der Lage manchmal fast vergisst. Denn ausgerechnet er, den Panikattacken ergreifen, wenn er vor Leuten sprechen soll, wird Mitglied im Debatierclub. Kann das gut gehen? Unmöglich! Keiner weiß das so gut wie Ismael selbst. Trotzdem versucht er, seine Zweifel zu zerstreuen: „Also, das Schlimmste … das Schlimmste wäre, dass ich einen absoluten Black-out hätte und mich in einen summenden, stotternden, radebrechenden, sabbernden, babbelnden, stammelnden Trottel verwandelte, dass ich dort stehen müsste wie eine Schaufensterpuppe, bis ich auch des letzten Fetzens von Würde beraubt wäre und das Selbstwertgefühl einer Amöbe hätte.“ Das klingt nicht besonders ermutigend, aber das Wunderbare ist, wie er in der Lage ist, alles immer noch zu toppen. Ein kleiner, kurzer Nachsatz genügt: „Rückblickend wünschte ich mir, es wäre so gut gelaufen.“

Worte statt Fäuste. Solidarität statt Alleingang. Man findet viele Schlagwörter um der engagierten Story aus Australien von Michael Gerard Bauer ein Etikett zu verleihen. Ein mitreißender Selbstfindungsprozess, der – wie könnte es anders sein – mit einem befreiten Bekenntnis endet: „Ja, nennt mich Ismael!“

Andrea Wanner


Michael Gerard Bauer: Nennt mich nicht Ismael.
Aus dem Englischen von Ute Mihr.
Hanser 2008.
Gebunden. 300 Seiten. 12,90 Euro.
Ab 12 Jahren.
ISBN 3-446-23037-8

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