Wayne Thiebaud ist ein amerikanischer Maler, der einem mit Bonbons, Sahnetorten und Cremeschnitten Appetit macht. Als Vorläufer des Fotorealismus gestaltet der 1920 geborene Künstler Stillleben zum Anbeißen. Auch für die ganz Kleinen. In dem quadratischen Pappbilderbuch wimmelt es von Köstlichkeiten. Das Tolle daran: von Seite zu Seite werden es mehr statt weniger wie im richtigen Leben. Starten wir mit einem Sahnetraum aus locker rosa Erdbeerschaum mit Knusperboden. Weiter geht es mit zwei Eisclowns: dekorierte Vanilleeiskugeln in Waffeln, auf den Kopf gestellt, so dass die Waffeln zu spitzen Clownshüten werden. Zur Abwechslung folgt etwas Salziges: Drei köstlich belegte Sandwichs, die zudem noch dreieckig sind. Zuckerstagen, Hotdogs, Kräcker … munter wird weitergezählt bis zur 10. Das Reimen übernimmt Nadja Budde, die mit so wundervollen Bilderbüchern wie „Trauriger Tiger toastet Tomaten“ zum einen bereits bewiesen hat, dass sie wunderbar mit Wörtern umgehen kann, zum anderen aber auch die Nähe zum kulinarischen Thema bereits suchte. Einfach lecker.
Schwieriger wird es mit der Kost im zweiten Bilderbuch. Hasenbraten an und für sich ist ja etwas Feines. Man kann ihn mit Zwiebeln, Karotten und Thymian in Rotweinessig schmoren. Aber Mariechen genießt den Hasen mitsamt der Mohrrübe auf ganz andere Art: roh und lebendig. Der für den Text verantwortliche Bill Grossmann (ins Deutsche gereimt von Ebi Naumann) teilt unser Entsetzen: „.. sie wird kotzen, dachten wir, und zwar total und jetzt und hier.“ Das sind drastische Worte. Das ist aber zugegeben auch eine extreme Mahlzeit. Und was passiert? Nichts. Ein lakonisches „Tat sie aber nicht.“ zeigt nur, dass Mariechen, das süße kleine Mädchen mit roter Brille und Herzchen-T-Shirt einen Magen wie ein Pferd haben muss. Und sie ist noch längst nicht satt. Dem einen Hasen folgen zwei Schlangen, drei Ameisen, vier Piratten (nein, das ist kein Tippfehler. Es sind des lieben Reimes wegen Ratten in Piratenklamotten!), 5 Fledermäuse… Sie strahlt dabei, hantiert mit Senf und Majo, genießt, schlemmt und scheint den Ekel, den manch einen überkommt, nicht im mindesten zu teilen. Jeder weitere Gang wird mit einem Gedichtchen begleitet und endet mit der immer gleichen Vermutung: „Jetzt wird sie kotzen, dachten wir.“ Mariechen schafft es bis zu neun Echsen. Versprochen war doch aber die magische Zehn? Also gut. Sie riskiert’s. Ihr letzter Gang besteht aus zehn kleinen, grünen, total gesunden Erbsen. Und dann? ….
Lassen wir es gut sein für heute mit Ernährungskunde und Mathematik. Immerhin hat keiner mit dem Essen gespielt. Lehrreich war es auch. Bis 10 zählen können wir jetzt. Nur der Hunger auf so herrliche Bilderbücher wird wohl nie gestillt sein.
Andrea Wanner
Noch eins!
Zählen mit leckeren Bildern von Wayne Thiebaud.
Fein garniert mit Gedichten von Nadia Budde.
Nach einem Rezept von Susan Goldman Rubin.
Kunstmann 2008
Pappband. 26 Seiten. 10 Euro.
Ab 3 Jahren.
ISBN 3-88897-506-6
Bill Grossmann: Mariechen fraß `nen Hasen auf
Bilder von Dorota Wünsch.
Deutsche Verse von Ebi Naumann
Gebunden. 24 Seiten. 12,90 Euro.
Ab 4 Jahren.
ISBN 3-7795-0149-7