Rosalie erzählt. Ihr zwölfter Geburtstag steht am Anfang ihres Berichts, der Tag, als sie ihre erste und einzige Zigarette rauchte. Und sie erzählt von jenem davor liegenden Sommer, als ihr Cousin Johnny Kellock spurlos verschwand.
Rosalie ist die mit Abstand jüngste von sechs Geschwistern mit der „ältesten Mutter der Welt“, die schon fast 50 war als Rosalie auf die Welt kam. Mit dem geübten Blick eines Mädchens, dessen Leidenschaft dem Zeichnen gilt und die davon träumt, einmal eine große Künstlerin zu werden, beobachtet Rosalie ihre Umwelt. Nur die Rückschlüsse, die sie daraus zieht, sind nicht immer die richtigen.
Was geschieht in jenem heißen Sommer, der unendlich langweilig zu werden droht, weil Rosalies beste Freundin nicht da ist? Zunächst einmal stürzt die Mutter die Treppen hinunter und bricht sich den Knöchel. Schuld daran sind Rosalies Buntstifte, die auf den Stufen lagen. Aber niemand spricht darüber. Hat es die Mutter gar nicht gemerkt? Oder vergessen? Jedenfalls braucht die Familie Unterstützung. Und die kommt ausgerechnet in Gestalt des Nachbarjungen David, der für Rosalie und ihre Freundinnen nur „der Totengräber“ ist. David scheint mehr über das Verschwinden von Johnny zu wissen. Und erstaunlicherweise ist er es, der Rosalie bei ihrer Suche seine Unterstützung anbietet.
Falsch zugestellte Briefe, merkwürdige Telefonanrufe, belauschte Gespräche – was braucht es mehr, um einen eine ganz große Story wittern zu lassen. Die kanadische Autorin Hadley Dyer lässt ein Mädchen auf ganz unverwechselbare Art davon erzählen, mit Worten, die nach Gefühlen suchen und nach der Wahrheit hinter den Dingen. Nicht nur von jenem 1. August 1959, dem Tag, als Johnny Kellock auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Andrea Wanner
Hadley Dyer: Der Tag, als Johnny Kellock starb
Aus dem Englischen von Birgit Jakobeit.
Carlsen 2008
Gebunden. 164 Seiten. 12,90 Euro.
Ab 11 Jahren.
ISBN 3-551-58187-7