Carl Hiaasen: Eulen / ab 11
20.02.2004
Profitgier und Umweltschutz
Roy ist mit seinen Eltern von Montana nach Florida gezogen und trauert seiner alten Heimat noch nach. Umziehen ist er gewöhnt - sein Vater arbeitet für die amerikanische Regierung und die Familie muss ständig umziehen.
An der neuen Schule ist es wie überall: es gibt Leute, die in Ordnung sind und Idioten, die einem das Leben schwer machen. Gewitzt und durchaus selbstbewusst findet sich Roy bald halbwegs in seiner neuen Umgebung zurecht. Aber das erste, das ihn dort wirklich fasziniert, ist ein fremder Junge, den er durch das Fenster des Schulbusses draußen barfuß rennen sieht. Roys Neugierde ist geweckt und er will den Jungen unbedingt kennen lernen. Die erste Begegnung ist dann ganz anders als erhofft. Er entdeckt den Lagerplatz des merkwürdigen Unbekannten.
Aus einem plötzlichen Einfall heraus rief er "Hallo? Bist du da?"
Keine Antwort.
Langsam arbeitet Roy sich durch den Graben hindurch und suchte nach weiteren Hinweisen. Hinter einem dichten Vorhang aus Ranken fand er drei Plastiktüten, die alle oben zugeknotet waren. In der ersten Tüte war ganz normaler Müll - Wasserflaschen, Suppendosen, Tüten von Kartoffelchips, Kerngehäuse von Äpfeln. Die zweite Tüte enthielt Kleidungsstücke eines Jungen - ordentlich gefaltete T-Shirts, Jeans, Unterhosen.
Aber keine Socken oder Schuhe, bemerkte Roy.
Anders als die beiden ersten Tüten war die dritte nicht voll. Roy lockerte den Knoten und spähte hinein, aber er konnte nichts erkennen. Was immer darin war, es fühlte sich ziemlich sperrig an.
Ohne nachzudenken, drehte er die Tüte einfach um und kippte den Inhalt auf den Boden. Ein Bündel dicker brauner Seile fiel heraus.
Auf einmal fingen die Seile an sich zu bewegen.
"Oh!", sagte Roy.
Das waren Schlangen - und nicht einfach irgendwelche.
Eine brenzlige Situation. Was hat der Unbekannte mit den Schlangen vor? Ehe er sich's versieht, steckt Roy in einer riskanten Sache.
Der Kinderkrimi von Carl Hiaasen, der sich um Profitgier und Umweltschutz dreht, liest sich ungeheuer spannend. Roy ist ein besonderer Held: kein Drückeberger, aber einer, der auch die Regeln und Gesetze kennt und nicht bereit ist, sich an Dummheiten zu beteiligen. Daraus entsteht ein bewundernswerter Balanceakt zwischen Herz und Kopf (so drückt es Roys Mutter aus). Herzerfrischend charaktierisiert sind auch die übrigen Figuren: der karrieregeile, aber etwas ungeschickte Officer Delinko, der durchaus Herz besitzt; die ruppige, bärenstarke Beatrice, die ihre Probleme nach außen geschickt verbirgt oder die pädagogisch fragwürdige stellvertretende Schulleiterin Miss Hennepin.
Und natürlich die Eulen. Kanincheneulen, eine sehr seltene, vom Aussterben bedrohte Art. Das das ein Buch ist, das man gelesen haben muss, spürt man eigentlich ja schon, wenn einem das Paar Eulenaugen auf dem blauen Hintergrund entgegenleuchtet.
Andrea Wanner
Carl Hiaasen: Eulen.
Aus dem Amerikanischen von Birgitt Kollmann.
Beltz & Gelberg 2003. Gebunden. 360 Seiten.
Ab 11 Jahren. 14,90 Euro.
ISBN: 3-407-80913-1