Gewalt findet einfach statt, jeder scheint sie zu akzeptieren. Das Sagen hat letztlich die Footballmannschaft, die im Gegensatz zur schuleigenen Fußballmannschaft zahlreiche Erfolge verbuchen kann. Joe ist der Kapitän des Fußballteams. Ein durchtrainierter Junge, der Konflikte nicht sucht aber auch keine Angst vor Konfrontationen hat. Aus seiner Perspektive erleben wir, wie die Ereignisse an der Lawndale-Highschool eskalieren. Schon lange brodelt es, aber es ist der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Den letztlichen Auslöser für die Eskalation auszumachen, fällt schwer. Joe steht auch nicht im Mittelpunkt der Ereignisse, sondern beobachtet sie – zum einen als mitfühlender Freund, der ansehen muss, wie sein Kumpel Maus zum Opfer wird, zum anderen als eifersüchtiger Rivale, der einem neuen Mitschüler, Weltklassefußballer und neuer ständiger Begleiter von Joes großer Liebe, die Erfolge nicht wirklich gönnt.
„Mach die Tür zu, du Idiot“, sagte ich laut und deutlich. Und noch bevor er reagieren konnte, fasste ich an ihm vorbei und zog die Tür ins Schloss.
Offenbar war er überrascht, dass es ein heruntergekommener Arbeiter einer Waschanlage wagte, so mit ihm zu reden. „Was hast du zu mir gesagt?“
„Mach die Tür zu, du Idiot“, wiederholte ich. „Du erkennst mich wohl nicht, oder? Ich bin Kapitän der Fußballmannschaft, die keinen Fußball spielt. Vielleicht siehst du besser, wenn du diese alberne Sonnenbrille absetzt.“
Das Phänomen nahm die verspiegelte Brille ab und musterte mich mit seinen kühlen blauen Augen. Er hätte wirklich als Fotomodell Karriere machen können. „Joseph, nicht wahr?“
„Meine Freunde nennen mich Joe. Du kannst Joseph sagen.“
„Du bist wütend auf mich, weil ich nicht in eurer Mannschaft spielen will, oder?“
„Ich habe mir nur überlegt, was wäre, wenn ich nach Brasilien kommen und ein Typ mich begrüßen und freundlich fragen würde, ob ich dort in eine Basketballmannschaft aufgenommen werden will. Selbst wenn das Team nicht besonders gut wäre, würde ich wahrscheinlich hingehen und mir die Sache anschauen. Und ich wäre ganz sicher nicht unhöflich zu ihm.
„Die brasilianischen Basketballmannschaften sind aber gut“, sagte das Phänomen.
„Darum geht es nicht.“
„Worum geht es dann?“
„Darum, dass du dich wie ein Blödmann benommen hast“, sagte ich und schaute ihm direkt ins Gesicht.
Was hier noch als verbales Geplänkel stattfindet, wird an anderen Stellen, zwischen anderen Streithähnen, zur massiven Auseinandersetzung. Die Schulleitung schaltet sich ein, versucht auf ihre Weise unter Polizeimithilfe die Situation in den Griff zu bekommen. Oberflächlich mag das funktionieren, in Wirklichkeit ändert sich nichts. Überhaupt kommen die Erwachsenen nicht so besonders gut weg in dieser Geschichte. Wie geht man mit Gewalt um? Wann wehrt man sich, wann gibt man nach? Gibt es eine Chance, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen? Joe, der sympathische Held, der in keine Schublade passt, erkennt, dass jeder seine eigene Entscheidung treffen kann. Was du willst wird zum Motto eines Jungen, mit dem es das Schicksal nicht übertrieben gut gemeint hat. Und irgendwie könnte er damit zum Vorbild einer ganzen Generation werden.
Andrea Wanner
David Klass: Was du willst.
Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst.
Arena 2003. Gebunden. 302 Seiten.
Ab 12 Jahren. 13,90 Euro.
ISBN: 3-401-05513-5