Die Stunde, in der es noch zu hell ist, Licht anzumachen.
Die Stunde, in der es schon zu dunkel ist, um weiterzulesen, um weiterzunähen.
Dann hält man inne und bleibt sitzen, das Buch aufgeschlagen auf den Knien, die Seiten hell und nicht mehr lesbar.
Man denkt und träumt.
Das ist die graue Stunde, die Stunde der Dämmerung. Die Schatten schimmern, die Erde ist dunkel und der Himmel noch hell.
Das ist die blaue Stunde.
Das poetische Bilderbuch von Anne Herbauts erzählt, warum es diese besondere Stunde gibt. Denn früher einmal - so das Märchen - ging der Tag unmittelbar in die Nacht über. Aber der Sonnenkönig und die Königin der Nacht waren wie Hund und Katze: so oft sie aufeinander trafen, gab es Streit und es flogen die Fetzen. Doch da erscheint eine große, dünne, seltsame Gestalt auf Stelzen, einen Fingerhut auf dem Kopf und die blaue Jacke mit einer Nadel verschlossen: Herr Blau. Er wirkt ein bisschen melancholisch, aber durchaus sympathisch. Trotzdem wollen ihn weder der hitzige Sonnenkönig noch die frostige Königin der Nacht in ihrem Reich. Stumm verzieht er sich ins Niemandsland und ganz unauffällig schiebt er sich zwischen die beiden Streithähne. Seit diesem Moment gibt es sie, die "blaue Stunde", Die Stunde des Herrn Blau, die kurze Spanne zwischen Tag und Nacht.
Aber das ist noch nicht das Ende der zauberhaften Geschichte mit filigranen Formen und ausgefallenen Figuren in unendlich verschiedenen Blautönen auf zartem Pastellgrund, auf dem sich gelegentlich auch helle Lichtpunkte tummeln oder in leuchtendem Orange der Sonnenkönig seinen Auftritt hat. Denn Herr Blau verliebt sich. In wen, das verrät das Bilderbuch, das die Stimmung der blauen Stunde eingefangen hat und zum Vorlesen und Zuhören für die Kleinen einlädt, zum Weiterträumen für die Großen.
Andrea Wanner
Anne Herbauts: Die Stunde des Herrn Blau.
Sauerländer 2003. Gebunden. 32 Seiten, durchgehend farbig.
Bilderbuch ab 4 Jahren. 13,90 Euro.
ISBN 3-7941-5002-3