Sie stinkt, sie ist eklig, und sie hat eine große Nase. Ich sehe sie jeden Tag, und jeden Tag habe ich Lust, ihr zu sagen: "Du stinkst, du bist eklig, und du hast eine große Nase."
Jeden Morgen steigt Benjamin ein, sagt "Guten Tag, Madame", schläft eine Runde auf dem Weg zur Schule und ist froh, wenn er wieder aussteigen kann. Doch eines Tages geschieht das Fürchterliche: Benjamin verpennt seine Schulbushaltestelle und wird erst an der Endstation, im Depot, von der grässlichen Fahrerin geweckt. Ein Alptraum erster Güte. Zumal sich rausstellt, dass seine Mutter ihn nicht abholen kann und er erst am Ende des Tages, bei der regulären Rückfahrt, wieder zuhause abgeliefert werden wird. Was könnte schrecklicher sein als ein Tag mit dem unfreundlichen Monstrum?
Wer jetzt auf einen plötzlichen Wandel wartet, hofft, die Frau würde sich plötzlich in eine herzensgute Märchenfee verwandeln, unterschätzt die Geschichte, die Vincent Cuvellier seinen jungen Lesern präsentiert. Ein skeptischer Junge begleitet eine merkwürdige Frau durch den Tag, beobachtet sie, fragt, hakt nach. Sie fahren ans Meer, besuchen einen alten Mann, landen in einer Kneipe. Eine spröde Geschichte mit Ecken und Kanten, begleitet von den merkwürdigen Illustrationen der Grafikerin Candice Hayat, präsentiert sich uns. Da ist vom Altersheim die Rede, von Tod und Verlassenwerden, vom Leben, "das manchmal nicht so funktioniert, wie man sichs wünscht." Wann ändert Benjamin seine Meinung über die fremde Frau? Der Punkt ist schwer auszumachen. Viele kleine Beobachtungssplitter setzen sich zu einem neuen Bild zusammen, das eine ganz andere Frau zeigt als die, die hinter dem Steuer des Busses sitzt. Und wir erleben den Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft!
Andrea Wanner
Vincent Cuvellier: Die Busfahrerin.
Mit Illustrationen von Candice Hayat.
Aus dem Französischen übersetzt von Sigrid Laube.
Jungbrunnen 2003. Gebunden. 85 Seiten.
Ab 7 Jahren. 10,80 Euro.
ISBN: 3-7026-5752-5