Vielleicht, so überlegt sie, ließe sich diese Wahrscheinlichkeit aber zu ihren Gunsten verschieben. Sie kennt nur ein Kind, dessen Vater gestorben ist. Sie kennt einige Kinder, die den Verlust von Haustieren zu beklagen haben – eine tote Katze, zwei tote Hunde, eine tote Maus. Und sie kennt kein Kind, das schon ein Tier und den Vater verloren hat. Die Schlussfolgerung scheint einfach: Mona, den furzenden, alten Hund ihrer Eltern, konnte sie noch nie leiden. Eine Maus wünscht sie sich einfach. Und dann sollen Hund Mona und die weiße Maus Piep ihr Leben lassen, um das des Vaters zu garantieren.
Die Niederländerin Marjolijn Hof legt die Gefühle einer 10jährigen offen, der die große Politik egal ist, und die sich einfach nur ein behagliches Familienleben mit den Eltern wünscht. Die Abschiede vom Vater fallen schwer, das Warten auf seine Anrufe ist zermürbend. Und irgendwann meldet er sich einfach nicht mehr. Was ist los? Ist ihm etwas passiert? Oder hat er nur keine Möglichkeit, Kontakt mit seiner Familie aufzunehmen?
Psychologisch einfühlsam schildert die Autorin die verschiedenen Reaktionen: naive Klassenkameraden, die auf unbeholfene Art Anteil nehmen, eine immer hysterischer werdende Großmutter und eine Mutter, die irgendwann nicht mehr die Kraft hat zusagen, dass sicher alles gut werden wird. Darauf hatte Kiki aber gewartet. Auf einen Erwachsenen, der die Verantwortung übernimmt und ihre Sorgen und Ängste als unbegründet abtut. Nein, die Lage ist zu ernst. Sie können die Angst nur teilen, aber nicht mehr verschwinden lassen.
Ist der Deal mit der Maus und dem Hund doch die beste Lösung? Kiki ist kurz davor, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Aber wahrscheinlich hat auch das - wie die ganze Geschichte - mit Erwachsenwerden zu und. Sie beginnt zu begreifen, dass die Welt so nicht funktioniert. Es ist schwer, einfach abzuwarten, aber es ist in manchen Situationen das einzige, was einem bleibt.Für ihr Debüt wurde die Niederländerin mit dem „Gouden Griffel“ und der „Gouden Uil“ ausgezeichnet.
Die einfache Sprache, mit der es ihr gelingt, große Gefühle auszudrücken, die witzige Leichtigkeit, mit der existentielle Probleme geschildert werden, ist für ein Kinderbuch, das an keiner Stelle platt oder zu sentimental wirkt, ein außergewöhnlicher Glücksfall.Ein hundertprozentiges Happy End würde dieser Geschichte sicher nicht gerecht werden. Auch hier zeigt sich Hofs Geschick, Probleme zu lösen und andere, große Herausforderungen für die Zukunft in Kikis Leben bereitzuhalten. Ohne einen toten Hund. Und mit zwei Mäusen, einer lebendigen und einer toten.
Andrea Wanner
Marjolijn Hof: Tote Maus für Papas Leben. Ab 10 Jahren. Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik. Bloomsbury 2008. Gebunden. 104 Seiten. 9,90 Euro. ISBN 978-3-8270-5323-7