Lenka, das kleine schwarze Hundemädchen, findet das Leben ungerecht. Alle ihre Freunde haben einen kleinen Menschen, nur sie nicht. Kleine Menschen machen Lärm und bringen Unordnung in die Hütte, sagen die Eltern. Meiner nicht, erklärt Lenka. Denn zum einen wünscht sie sich ein kleines Mädchen, weil die still und gehorsam sind, zum anderen wird Lenka sich immer gut um das Mädchen kümmern. Versprochen.
Nun gut, knurren die Eltern. Und an Lenkas Geburtstag steht da tatsächlich ein Karton mit einem süßen kleinen Mädchen darin. Lenka ist so begeistert, dass sie keinen Blick auf das Buch wirft, das sie hatte lesen wollen: Wie man Menschen erzieht. Ein Menschen-Ratgeber für Hunde von Paula Pudel. Im Verlauf der Geschichte zeigt sich, dass kleine Mädchen keineswegs so still und gehorsam sind, wie behauptet wird. Sie toben, sie rennen anderen kleinen Menschen hinterher, sie essen nicht das, was man ihnen vorsetzt, sie kommen nicht jedes Mal angelaufen, wenn man sie ruft. ‚Schlecht erzogen’, sagen Lenkas Freunde und Lenka schämt sich. Sie muss unbedingt Paula Pudels Buch lesen! Dann aber gibt es die Stunden, in denen man so wundervoll mit kleinen Mädchen spielen kann. Oder kuscheln. Das ist so schön, dass alle Ratschläge dagegen verblassen.
Als Lenka sich eines Tages urplötzlich in Alfi verliebt, verblasst allerdings auch die Freundschaft mit dem kleinen Mädchen Marie. Sie nervt, immer muss man sich um sie kümmern! Und nun passiert das Schreckliche: Marie läuft weg. Lenka besinnt sich in letzter Minute. Aber wenn ihr der Fuchs nicht geholfen hätte, hätte es schlimm ausgehen können. Wie lautet Paula Pudels Faustregel? Mit Menschen muss man auf alles gefasst sein.
Diese fein ausgedachte Geschichte einer verkehrten Welt widmet sich einem bekannten Problem: was geschieht, wenn sich ein Kind sehnlichst ein Haustier wünscht und dann feststellen muss, dass ein Tier nicht nur Spaß macht, sondern auch Arbeit? Schritt für Schritt lernt Lenka, dass sie Verantwortung übernehmen muss, denn sonst fügt sie Marie, die sie doch liebt, ernsten Schaden zu. Sie muss auch lernen, dass Hunde und Menschen ganz unterschiedliche Interessen haben und die Welt aus jeweils anderen Augen sehen. Der Prozess ist durchaus schmerzlich, für beide Seiten. Erzählt wird mit viel Witz und mit bewundernswertem Augenmaß für das, was in einer Mensch-Hund-Beziehung ein Hundeleben und ein Menschenleben ausmacht. Der Parabelcharakter der Geschichte wird dadurch unterstrichen, dass den einzelnen Kapiteln eine kurze Zusammenfassung des Inhalts vorangestellt ist. Das mutet ein wenig altmodisch an, wird jedoch durch den durchgängig frischen Ton zeitgemäß. Zu der ‚verkehrten Welt’ passen auch die weiteren Ereignisse in Lenkas Geschichte mit anderen ‚Personen’ aus der Tierwelt, dem Fuchs oder dem Hahn etwa. Dabei wird die richtige Mischung aus märchenhaft und vermenschlicht getroffen, ohne dass verniedlicht wird. An keiner Stelle der geradlinig erzählten Geschichte spürt man die pädagogische Absicht oder leidet gar unter einer aufgesetzten Moral. Unmerklich fliegt der Pfeil los und landet mitten im Schwarzen.
Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Liisa Kallio konzentrieren sich genauso wie der Text auf das Wesentliche und schaffen zugleich einen Eindruck von Fülle. Ausgezeichnet vermitteln sie die Gefühlslagen der handelnden Personen, Freude, Liebe, Angst, aber auch Langeweile und Trotz. Ein liebenswerter Einfall ist es, die Unterkapitel mit winzigen Hundeknochen zu kennzeichnen. Abgeschlossen wird das Buch durch eine Kurzversion von Paula Pudels Ratgeber. In fünf Punkten kann man das Wesentliche für die Hund-Mensch-Beziehung nachlesen, vom Allgemeinen über Essen, Wohnen, Sprachproblemen bis hin zur Frage der Katzen. Das Ganze ist auch als Hörbuch in gebellter Fassung erhältlich. Es sollte in keinem Hund-Mensch-Haushalt fehlen.
Magali Heißler
Sari Peltoniemi: Der kleine Hund, der unbedingt ein Mädchen wollte.Mit Zeichnungen von Liisa Kallio
Nagel und Kimche 2008
Gebunden. 95 Seiten. 9, 90 Euro
Ab 9 Jahren
ISBN 9783312009817