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Marjaleena Lembcke: Der Mann auf dem roten Felsen (ab 14)

02.10.2008

Vom gefährlichen Rätselspiel, das ‚Leben’ heißt

Ein Fremder vor dem Haus, der sein Fernglas auf das Fenster des vierzehnjährigen Mika richtet, bringt den Jungen unversehens ins Grübeln. Kaum hat Mika mit dem Nachdenken angefangen, muss er feststellen, dass das Leben größere Rätsel stellt als die kleinen selbstausgedachten Spielaufgaben, die ihm sein Vater täglich auf den Frühstücksteller legt.
Von Magali Heißler

 

Mika hat sich eingerichtet. Die Dinge sind, wie sie eben sind, ein wenig einförmig zwar, doch das ist beruhigend. Die Welt dreht sich mit der gleichen Regelmäßigkeit wie das Riesenrad im Vergnügungspark, den Mika von seinem Fenster aus sehen kann. Eines Morgens jedoch steht ein Mann auf dem Felsen gegenüber des Wohnhauses und sieht durch ein Fernglas direkt in Mikas Gesicht. Der fremde Blick beunruhigt Mika mehr, als er sich eingestehen will. Warum schaut jemand in sein Fenster? Es bleibt nicht bei diesem ersten ‚warum’.
Warum, fragt sich Mika kurz darauf, verschanzt sich sein Vater, ein Philosophielehrer, der drei Jahre zuvor seine Stelle aufgegeben hat, über dem Manuskript eines Buchs, das keiner in der Familie je zu Gesicht bekommen hat? Warum legt ihm sein Vater eigentlich die kleinen Rätsel hin, anstatt mit ihm zu sprechen? Warum tut Mutter so, als ob nichts passiert wäre? Warum bringt die Nachbarin Butterbrotpäckchen zum roten Felsen, dorthin, wo sich die städtischen Säufer verkriechen? Warum will Lina, seine Zwillingsschwester, nicht mehr so oft mit ihm zusammen sein? Und vor allem, warum liebt Kati mit den wunderschönen dunklen Haaren ausgerechnet Mikas besten Freund Björn?
In wenigen Tagen nur ist Mikas gleichförmige Welt in lauter winzige Teile zersprungen, die neu sortiert und dann mühselig wieder zusammengesetzt werden müssen. Das Leben ist ein dunkles Rätselspiel geworden. Am Ende steht Mika vor einer neuen Welt, aber sie ist nicht mehr gleichmäßig glatt und rund. Nun man sieht all ihre Sprünge und Risse. Die neue Welt bringt Schmerzliches, darunter auch den Tod. Trotzdem können Menschen in ihr Glück finden.

Dieser knapp erzählte Jugendroman leistet Erstaunliches. Er ist nicht nur die Geschichte vom Unglück in einer Familie, sondern zugleich vom Unglück in der Welt. Kriminalität, Alkoholismus, zerstörte Familien, falsche Entscheidungen, Egoismus gipfeln mit erschreckender Folgerichtigkeit in der Fernsehmeldung vom Anschlag auf das World Trade Center, denn die Geschichte spielt im September 2001. Es geht um Illusionen, um Täuschungen und Enttäuschungen. Es geht um Schweigen und Verschweigen, aber auch darum, was passiert, wenn man nicht genau hinsehen will und sich lieber im Gewohnten einrichtet. Wer ist der Mensch, fragt Marjaleena Lembcke hier, und warum tut er, was er tut? Das alles ist nahezu perfekt zusammengebaut. Ein großes Rätselspiel erwartet einen, ein Labyrinth, ein Puzzle. Die Auflösung am Ende ist sicher, aber nicht bequem.
Dargeboten ist die Geschichte vermeintlich leicht und glatt. Scheinbar mühelos spielt sich ein liebevolles und auf seine Art geordnetes Familienleben von drei Generationen ab. Scheinbar handelt das Buch von den Wirrnissen des ersten Verliebtseins. Erst auf den zweiten oder gar dritten Blick zeigt sich, dass nichts im Lot ist in Mikas Familie. Aus den Fugen geraten ist auch das Leben seines Freundes Björn oder die frühere Ehe der freundlichen Nachbarin. Nichts ist, was es zu sein scheint, das müssen die Jugendlichen am eigenen Leib erfahren, als sie infolge ihres eigenen Irrtums in eine sehr gefährliche Situation geraten. Da es ein Roman über das Leben ist, trifft am Ende der Tod auch Mikas Familie. Mikas angeblich so aussichtslose Sehnsucht nach Kati erweist sich schließlich als das Rätsel, das am leichtesten zu lösen ist.
Das Motiv des Rätsels, das zuerst ganz spielerisch eingesetzt ist - jedes der 24 Kapitel hat eine Rätselfrage als Überschrift - , irritiert im Weiteren, genau so, wie die plötzlich undurchsichtig gewordene Lage Mika irritiert, bis man endlich versteht, dass einen die Autorin konsequent dazu führte, zu begreifen, dass das Handeln von Menschen eben nicht immer schlüssig erklärt werden kann. Einige Rätsel, auf die Mika stößt, bleiben folgerichtig ungeklärt. Manche Lösungen dagegen sind alles andere als angenehm.
In Mikas neuer Welt gibt es aber ebenso Liebe und Glück, im Kleinen wie im Großen. Davon erzählt Lembcke mit derselben sicheren Überzeugung. Man muß nur den Blickwinkel ändern, schon sieht es anders aus. Diese Erfahrung macht Mika.
Die Lösungen der Rätsel, die sich Mikas Vater ausdenkt, findet man am Ende des Buchs. Sie sind spiegelverkehrt abgedruckt. Glück und Unglück sind eben nur zwei Seiten derselben Medaille, die ‚Leben’ heißt.

Magali Heißler


Marjaleena Lembcke: Der Mann auf dem roten Felsen
Jugendbuch ab 14
Nagel & Kimche 2008
Gebunden. 185 Seiten. 14,90 Euro.
ISBN 9783312009800

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